Am Nasenring durch die Manege

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Es folgt ein längerer Text, ganz ohne Bilder. Es geht um das Boofen im Nationalpark, um eine Arbeitsgruppe, die ins Leere gelaufen ist, um die Hybris eines Ministeriums, um die Simulation demokratischer Mitbestimmung.
Und es geht auch um einen Verband, der das alles schon seit vielen Jahren mit sich machen lässt, obwohl er allein Kraft seiner Mitgliederzahl auch ganz anders könnte.
Es geht um das Verhältnis schnöder Ideologie versus eines gesunden Pragmatismus.
Da ich bei all dem nicht umhin komme, immer mal wieder meine recht gepfefferte Meinung zu sagen, will ich sie der Fairness halber auch kennzeichnen. Alles, was hier kursiv  erscheint, ist meine persönliche Einschätzung und keineswegs allgemeinverbindlich. Also, bitte weiterlesen und gern auch kommentieren.

Worum geht es?

Im Jahre 2021 glaubte man festzustellen, dass die Booferei im Nationalpark ein wenig ausgeartet sei. Konkret ging es um: Boofen durch recht viele Nichtkletterer, Feuer, Partylärm, Müll. Und es wurde ganz konkret befürchtet, dass dies negative Auswirkungen auf die Population der gehätschelten Vögel (Uhu, Wanderfalke, Schwarzstorch) haben würde.

Ja, es gab und gibt bis heute immer mal wieder Unschönes aus den Boofen zu berichten. Aber: das ist keineswegs an der Tagesordnung. Und: Feuer war schon immer verboten. Boofen nur für Kletterer ist praktisch unkontrollierbar. Müll: ist meist ein wirklich ärgerlicher Anblick. Aber weder Plastikverpackungen, noch leere Pullen oder Wurstpapierchen sind eine wirkliche Gefahr für die Natur. Solange da niemand einen Kanister Giftmüll auskippt… Bleibt die Gefährdung der Vogelbrut durch einen übermäßigen Geräuschpegel. Und nachdem diese Gefahr einmal herbeigeredet war, musste natürlich gehandelt werden.

Wie ging es weiter?

Zunächst: das Boofen wurde, begrenzt auf drei Jahre, zwischen Februar und Mitte Juni generell verboten. Als Versuch.
Gleichzeitig gründete man eine Arbeitsgruppe. Die war breit besetzt: verschiedene Behörden, das Ministerium, Naturschützer und Bergsportverbände.
Die AG hatte zwei Kernaufgaben: erstens herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen diesem Verbot und dem Brutverhalten gibt. Zweitens: Möglichkeiten für den weiteren Umgang mit dem Boofen finden.
Einen Zwischenbericht der AG kann man hier lesen. Fazit: es gibt keinen Zusammenhang. Ganz im Gegenteil: da, wo es viele Boofen gibt (Schmilkaer Gebiet) wird auch gern und viel gebrütet.
Einen Abschlussbericht gibt es auch, der wurde nicht veröffentlicht, kommt aber zu einem ähnlichen Ergebnis.
Als weitere Handlungsempfehlung will man eine Art verpflichtende Schulung samt Zertifikat vor der Übernachtung einführen.

Das kam mir erst mal spanisch vor, aber ich ließ mich belehren: man kann das online machen, als Zertifikat gibt es einen personalisierten QR-Code. Den kann der Ranger dann sogar ohne Online-Verbindung auslesen und kontrollieren. Die Einrichtung so eines Systems würde über den Daumen 6000 Euro pro Jahr kosten. (Nur mal zum Vergleich und schlagt mich gern: ein minderjähriger Flüchtling kostet rund 5000 Euro – pro Monat.) Am Geld sollte es also nicht scheitern.

Trotzdem sind die Bergsportverbände hier gleich doppelt in eine Falle getappt: zum einen die vielen Mitglieder der AG. Das klingt erst mal sehr basisdemokratisch. Aber schon olle Cäsar kannte den Trick: der hat den römischen Senat seinerzeit fast auf das Doppelte aufgebläht – und somit praktisch handlungsunfähig gemacht. Ziemlich sicher, dass auch die AG sich hier tot diskutieren würde.

Zum anderen: man hat akzeptiert, eine Handlungsempfehlung für die Zukunft geben zu müssen. Nein, wäre die richtige Antwort gewesen. Sollte sich herausstellen, das es keinen Zusammenhang zwischen Brut und Boofen gibt, dann fordern wir eine Rückkehr zur bisherigen Praxis. Punkt. Keine irgendwelchen Empfehlungen. Dazu hätte es aber dessen bedurft, was man gemeinhin “Eier” nennt. Statt dessen hat man hier einen Kompromiss gesucht. Wie das ausging? Lesen Sie weiter.

Was das Ministerium daraus machte

Das Ministerium hat den Kompromiss (Schulung und Zertifikat) mal eben in die “Rundablage-P” getreten und heute eine modifizierte Verordnung veröffentlicht. Hier im Amtsblatt nachzulesen. (Auf “Vorschau” klicken.) Darin wird die Sperrung zwischen Februar und Mitte Juni auf ewig festgeschrieben, mit Optionen zur Verlängerung über den Juni hinaus. In der Begründung dazu wird mit keinem Wort auf die Ergebnisse der AG (nochmal: kein Zusammenhang zwischen Boofen und Vogelbrut) eingegangen. Statt dessen jede Menge Allgemeinplätze, bitte selbst lesen .

Drei Jahre Streit, Faktencheck und Diskussion in der AG waren also für die Katz. Das hätte man sich sparen können.

Hier wird, wie leider allzu oft, demokratische Mitbestimmung nur simuliert. Das kennt man auch von klassischen Beispielen: der Errichtung einer Windkraftanlage, einer Mülldeponie oder eines Asylheims. Es gibt Bürgerversammlungen, Informationsveranstaltungen und vieles mehr.  Es wird heiß diskutiert. Und am Ende machen die Behörden genau das, was sie schon vorher machen wollten.

Ein gewisser Walter Ulbricht prägte schon 1945  den Satz: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“  Ein Schelm…

Die Verordnung ist übrigens, nur so am Rande, vom Referatsleiter Carsten Enders unterschrieben. Der stand auch mal auf einem kommunalen Wahlzettel der Grünen. Das ist aber über zehn Jahre her. (“Ich war jung und brauchte das Geld.”)

Ich prophezeie pessimistisch: das ist nur der Anfang. Häppchenweise wird es weitergehen. Zunächst wird die Option – Verlängerung der Sperrung über den Juni hinaus – auf mehr und mehr Boofen angewendet werden. Sodann werden einzelne Boofen ganz gestrichen, eine Begründung findet sich immer. Man wird, so deucht es mir, dann versuchen, die restriktiven Regeln auch auf die andere Elbseite auszuweiten. Und irgendwann ist ganz Schluss.

Wie reagieren die Bergsportverbände?

Angefressen, wie sonst. Eine Mitgliederinformation dazu kann man hier lesen. Ändern wird das aber nichts mehr.

Mit ihrer Bereitschaft zu Kompromissen hat man die Bergsportverbände klassisch hinter die Fichte oder eben am Nasenring durch die Manege geführt. Und das leider nicht zum ersten Mal. Ich denke hier an die AG-Wege. In dieser wurde schon vor 25 Jahren ein “Kompromiss” beschlossen. Kann man hier nachlesen. Der Grenzweg, über den keine Einigung erzielt wurde, gilt seitdem dennoch als gesperrt, es wird abkassiert. Und über andere Wege wurde damals gar nicht gesprochen. Spontan fallen mir ein: Jansloch und Rotkehle im Kirnitzschtal und der Eulengrund bei Waitzdorf. Sie gelten ebenfalls als gesperrt. Ganz ohne Beschluss, einfach so. Und die Verbände haben es hingenommen.

Gibt du den kleinen Finger, ist die Hand weg. Weshalb man sich von Seiten des Ministeriums diesmal gar nicht damit aufhält, einen Kompromiss auszuhöhlen, sondern ihn gleich ganz ignoriert.
Deshalb jetzt kursiv weiter mit noch mehr Meinung.

Wie reagieren?

Die Verbände (SBB und DAV) haben zusammen rund 30 000 Mitglieder in Sachsen. Sie sollten sich dieser Macht endlich bewusst werden und die schon erwähnten “Eier” beweisen. Deshalb:

  1. Aufkündigen aller Mitarbeit in Gremien und Arbeitsgruppen, die den Nationalpark betreffen. Bringt ja eh nix. Dazu eine Pressekonferenz einberufen.
  2. Aufruf an die Mitglieder, die Boofenverordung zu ignorieren. Was wiederum – nur der Aufruf – auch eine Ordnungswidrigkeit sein kann. Da muss man schauen, was die Kriegskasse hergibt. (Ich für mein Teil rate natürlich ausdrücklich davon ab, die Verordnung zu ignorieren.)
  3. Einen Fonds einrichten, der die Ordnungsgelder für ertappte Boofer übernimmt. So etwas gibt es schon für Schwarzfahrer, es ist völlig legal. Natürlich soll dieser Fonds nicht bei groben Verstößen wie Partylärm oder großem Feuer einspringen.
  4. Parallel dazu massive Öffentlichkeitsarbeit. Flyer in allen gutwilligen Gasthäusern der Region. Darin auch rechtliche Informationen (Was darf der Ranger, was nicht?). Und richtig kräftig in den sozialen Medien trommeln.

Laut Aussage eines Beteiligten und sehr engagierten Mitglieds des SBB denkt man über allerlei nach. Und will sich im Januar konkret äußern.

Was mir noch so einfällt

  • Da wäre zunächst die Nationalparkverwaltung, auf die ich hier ja auch gern mal schimpfe. Die ist in diesem Falle frei von Sünde. Denn sie hätte den Kompromiss mitgetragen. Die Idee, ihn und damit die dreijährige Arbeit der AG einfach zu ignorieren, ist einzig zwischen den Aktenschränken und Stempelkarussells des Ministeriums gereift.
  • Mit den Rangern, die das dann durchsetzen sollen, möchte ich nicht tauschen. Früher oder später, so befürchte ich, wird es Handgreiflichkeiten geben.
  • Eine der (rechnet man die Anzahl der Brutpaare auf die Fläche) größten Wanderfalkenpopulationen weltweit befindet sich – man kann es gern googeln – in New York. Der Stadt, die niemals schläft. Ganz so scheu scheint der Vogel also nicht zu sein.

Und zum Schluss?

Empfehle ich viel mehr Gelassenheit. Momentan ist boofen “in”, samt Fotos und Videos im Netz. Aber den Gesetzen des Netzes nach gibt sich das auch ganz von allein wieder. Dazu zwei Beispiele, die zugegeben etwas kleinteiliger sind: 2024 war der – bezüglich der Region –  große Hype das Gaswerk in Herrnskretschen. Kaum ein Tag ohne Foto davon, bis es “tot fotografiert” war. In diesem Jahr keine Handvoll Bilder mehr. Dafür in diesem Jahr die Aussicht an der Wehlnadel. Gefühlte hunderte Bilder. Was bei einigen Rangern zu Schnappatmung und freier Interpretation ihrer Befugnisse führte. Und jetzt? Kaum noch neue Bilder von der Aussicht, auch dieser Hype ist “durch”.
Zugegeben, Boofen ist da etwas anders gelagert. Aber ein Felsvorsprung in der Sächsischen Schweiz ist weder das Taj Mahal noch der  Eiffelturm. Der übermäßige Andrang samt seiner unschönen – aber eben nicht gefährlichen – Auswüchse legt sich ganz von selbst wieder.

Also, seid so nett und bildet euch eine eigene Meinung dazu. Und lasst sie mich auch gern hier wissen.

Ergänzung: auch Rolf Böhm hat sich Gedanken gemacht. HIER.

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2 Gedanken zu „Am Nasenring durch die Manege

  1. Also, ich weiß nicht recht, ist es nicht ein wenig politisch ungeschickt, sich so töricht zu verhalten, wie es das Umweltministerum jetzt tut? Okay da haben die erst mal wieder gewonnen. Letztendlich aber mit dem Holzhammer, einem in der Demokratie eher gebashten politischen Werkzeug. Ziel sollte doch eher sein, auf demokratische Art an einer Willensbildung mitzuwirken und da war die AG doch schon recht weit. Seien wir gelassen und warten ab, was da noch kommen wird. Sieht mir bissl wie ein Pyrrhussieg des Umweltministeriums aus. Unsere politische Forderung muss jetzt sein, diese illegitime Boofenverbotsperpetuierung ganz zu canceln. Hat nichts gebracht, 4 Jahre Verbot, weg damit, der Status quo der 58 erlaubten Boofen ist 20 Jahre bewährt und überhaupt nicht zu beanstanden.

  2. Das Problem mit dem Boofen ist doch auch verbunden mit dem Verbot, dass man fast nirgendwo in Deutschland im Freien legal übernachten darf.
    Dann gibt es leider Leute, die nutzen eine vernünftige Regelung aus und das führt dann dazu, dass es für alle verbooten wird. Man sollte also woanders ansetzen meiner Meinung nach.
    Glaube nicht, dass das eine Mode ist, das wird leider bleiben…

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