Links und Rechts der Dürrkamnitzschlucht

Oder: verloren im Mikado-Dickicht

Region: Böhmische Schweiz, außerhalb des Nationalparks
Dauer: gute acht Stunden.
Entfernung: Knapp 21 Kilometer, kann (und sollte) abgekürzt werden
Höhenmeter: (Hoch und Runter): 1000 Meter
Schwierigkeit: Eigentlich nicht schwer. Der Abstecher zu den Höhlen und Aussichten über dem Elbtal verlangt aber Orientierungssinn. Und er endet im Nichts.
Bemerkungen: S-Bahn bis Schöna, dann mit der Fähre übersetzen. Oder Parken in Herrnskretschen. Am Elbkai kostenlos, alle anderen Parkplätze ziemlich teuer. Viele Gaststätten in Herrnskretschen. Außerdem auch in Jonsdorf und Elbleiten. Imbiss bei gutem Wetter am Belveder.

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Na, das war mal eine Runde. Zunächst viel zu sehen auf teilweise sehr einsamen Pfaden. Dann aber ein Abstecher, der sich zu einem hoffnungslosen Kampf gegen des Borkenkäfers wildes Treiben ausweitete. Aber dazu später. Zunächst war die Idee, das kleine böhmische Örtchen Elbleiten (Labská Stráň) in die Tour einzubinden. Dieweil mir zugetragen wurde, dass die dortige Dorfkneipe – ehedem von außen eher als Spelunke klassifiziert – mittlerweile fein aufgehübscht und zu empfehlen sei. Das sollte getestet werden. War auch nix, aber auch dazu später mehr.
Zunächst laufen wir einfach mal los.

Start ist in Herrnskretschen (Hřensko). Wir durchschreiten zügig die vietnamesische Freihandelszone. Sozusagen das Temu zum Anfassen. Auf der rechten Seite gibt es übrigens einen kleinen Laden (“Konzum”), der tatsächliche tschechische Spezialitäten führt. Und ein Blick auf und in die Dorfkirche lohnt sich auch.

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Wenn wir jetzt schwatzenderweise bemerken, dass das Hotel “Prag” auf der linken Seite reichlich Holz vor der Hütte hat…

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…dann sind wir zu weit gelaufen. Wir hätten am alten Gaswerk rechts abbiegen müssen. Und damit die Zahl der Fotos von selbigem im Netz nie unter die dritte Zehnerpotenz fallen möge, steuere ich auch noch zwei bei.

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Also am Gaswerk den Berg hoch, und den alten Friedhof erreicht. Der wächst leider wieder bedenklich zu, nachdem er in den letzten Jahren einen recht gepflegten Eindruck machte. Clars Kapelle hat auch schon bessere Zeiten gesehen.

Dürrkamnitz-6Dürrkamnitz-7Dürrkamnitz-8 Gottesacker

Wir überqueren eine Straße. Direkt gegenüber beginnt jetzt der Aufstieg (grüne Markierung). Im Zickzack und entlang eines mächtigen Geländers von der Anmut einer Panzersperre.

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Wenn es nicht mehr weiter hoch geht, sind wir an der Aussicht Oberes Bielhorn angekommen. Die könnte auch mal wieder freigeschnitten werden. Aber ein netter Blick nach unten aufs Dorf ist immer noch drin.

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Mit der Aussicht im Rücken leicht links, noch ein wenig nach oben und dann geradeaus. Wir passieren mehrere Bunker der Schöberlinie (man möge googeln). Heutzutage fast immer große Mülleimer aus Beton.

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Somit landen wir auf dem Dorfplatz von Jonsdorf (Janov). Wer bereits über Magenleere klagt, findet hier mehrere Gasthäuser. Alle anderen gehen stur weiter geradeaus und passieren einen hübsch gestalteten Teich und eine flügellose Windmühle, die als Ferienhaus dient.

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Weiter einfach geradeaus. Und dann Obacht: der Weg schein nur noch nach links (in eine Grundstückseinfahrt) oder nach recht weiterzugehen. Stimmt aber nicht, es geht auch geradeaus. Was man aber nur sieht, wenn man direkt davor steht. Es beginnt ein unmarkierter Pfad nach unten. Hier:

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Und der macht richtig Spaß. Mal pfadig, mal etwas breiter, mal runter, dann wieder hoch.

Dürrkamnitz-25Dürrkamnitz-29Dürrkamnitz-33 Es pfadet

Der Weg selbst ist gut begehbar, an seinen Seiten liegt aber noch viel Borkenkäfermikado in der Kreuz und in der Quer im Wald. Und vieles wird auch noch umfallen. Kein schöner Anblick.

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Richtig gefreut habe ich mich über eine neue Brücke am Weg. Ehedem ging es dort mit einem kühnen Sprung über den Bach weiter. Heute erhoben Hauptes über die Brücke, die auch noch ein optisch wunderbares Konstrukt ist.

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Der ganze Weg war nie ein “offizieller” Wanderweg. Aber eine Privatperson hatte ihn mit gelben Klecksen an den Bäumen markiert. Von denen aber kaum noch welche da sind. Wahrscheinlich sind die Bäume umgefallen.

Dürrkamnitz-34 Einer der verblieben Kleckse

Es ist also etwas Orientierungssinn vonnöten. Mit diesem ausgestattet, finden wir uns in der Dürrkamnitzschlucht wieder. Und überqueren den namensgebenden Bach (meist wirklich trocken) mit einem großen Schritt oder über ein Hilfskonstrukt.

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Und wenden uns sodann nach Links.

Achtung! Ab jetzt spielen wir mit unseren Leben! Zumindest wenn es nach der Meinung der zuständigen Verwaltung geht. Denn schon seit Jahren ist die Schlucht offiziell gesperrt, weil auch hier viele tote Bäume stehen und noch umbrechen können. Ein Sperrschild haben wir allerdings keins gesehen – und werden auch im weiteren Verlauf keines sehen.

Dennoch eine kleine Einordnung: Ja, hier steht viel totes Holz herum. Und nochmal ja: das wird alles umfallen. Aber: die Wahrscheinlichkeit, dass es genau dann fällt, wenn ich direkt drunter bin, ist doch recht gering. Und wenn doch? Dann ging es zumindest schnell.

Einige Stämme liegen auch direkt über dem Weg, sind aber leicht zu überwinden.

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Und der Weg wird eindeutig rege genutzt, wie ein kleiner selbstgebauter Steg beweist. Ich nenne das hier und anderswo gern “tschechische Gelassenheit”.

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Die erste Abzweigung rechts wäre jetzt eine kleine Abkürzung, sieht aber augenscheinlich arg zugefallen aus. Also noch ein Stück weiter im Tal und die zweite Abzweigung genommen. Die ist gut zu gehen, zunächst aufwärts, und dann sehr bequem weiter bis zum Ortseingang von Elbleiten. Ein rot markierter Weg führt durchs Dorf, vorbei an sakralen und weltlichen Figuren, und an einem hübschen Dorfteich mit Froschkönig.

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Womit wir am eingangs erwähnten Wirtshaus angekommen wären. Welches tatsächlich aufgehübscht ist, und jetzt sogar einen schönen Freisitz bietet. Und ab 15 Uhr geöffnet hat. Mist, das sind ja noch eineinhalb Stunden hin, war also nix.

Gegenüber finden wir aber ein Buswartehäuschen, welches mit “allerliebst” noch milde beschrieben ist.

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Da ziehe ich doch mal den Hut.

Und wir gehen rotmarkiert weiter bis zur bekannten Aussicht am Belveder. Dort kann man bis ran fahren, wir sind also nicht mehr allein. Auch hier gab es einst (das Gebäude steht ja noch) ein Hotel samt Gasthaus. Später nur noch ein Hotel Garni. Und jetzt nix mehr. Oder doch: vor dem Haus wird bei schönem Wetter ein Imbiss betrieben. Und der ist gar nicht mal so übel. Die verschiedenen Aussichten auf die Elbe lohnen sich aber in jedem Fall.

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Und jetzt beginnen die Misslichkeiten des Lebens. Vom Belveder, elbabwärts betrachtet, führt ein dichtes Geflecht an Pfaden weiter. Da bin ich erst einmal lang, im Schlepptau eines Ortskundigen. Und wer schon mal “im Schlepptau” gewandert ist, der weiß: nachher erinnert man sich nicht mehr wirklich an den Wegverlauf. Man ist halt hinterher getrottet.

Die Pfade führen zu mehreren Höhleneingängen. Selbige kann man aber nur mit Ausrüstung befahren. Und sollte es eigentlich gar nicht. Denn in den Höhlen leben Mäuse. Solche mit Fledern.

Interessant ist es aber dennoch, da auf Entdeckertour zu gehen. Es gibt viel zu sehen und totale Einsamkeit. Aber nochmal: die Wege sind ohne jede Markierung und so gut wie nicht kartiert. Auch nicht auf Online-Karten. Da ist jede Menge Orientierungssinn gefragt. (Für Frauenwandertage: mindestens einen Mann bevorraten und mitnehmen.) Ein paar Eindrücke:

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Dann aber beginnt die Kacke richtig zu dampfen. Denn ich erinnerte mich, damals (im Schlepptau) wieder in die Dürrkamnitzschlucht abgestiegen zu sein. Und dieser Abstieg ist sogar noch bei OSM eingezeichnet. Pustekuchen. Und hier eine kleine Skizze zur Erläuterung:

Karte

Bis zu der Rechtskurve bei (1) kommt man mit reichlich Orientierungssinn gut hin. Der weitere Weg (blau) liegt dann schon voll mit haufenweise dicken Stämmen. Es ist ein echtes Geschinde, eine Säge im Rucksack hilft kaum weiter. Die Kreuzung bei (2) existiert praktisch nicht mehr. Nur noch Riesenstapel von Bäumen über- und untereinander. Der eigentliche Abstieg in die Dürrkamnitzschlucht (gelb) ließ sich nur sehr wage erahnen. Etwa 30 Meter konnten wir einsehen: steil und gefühlte hundert Stämme im Weg. Scheiße war’s.

Wir haben uns also auf der blauen Linie zurückgeschunden. Begleitet von unchristlichen Flüchen und christlichen Stoßgebeten. Um dann bei (3) auf einen breiten Waldweg zu treffen, der uns, jetzt plötzlich recht bequem, zurück nach Elbleiten brachte.

Es möge also jeder für sich selbst überlegen, ob er sich das antun will.

Wir kommen wieder am Dorfteich raus, diesmal von hinten. Es grüßt kein Gummi-, sondern ein Gipshuhn.

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Aber Moment mal, jetzt ist es doch schon weit nach 15 Uhr, da sollte das Wirtshaus doch geöffnet haben. Denkste, ein handgeschriebener Zettel verkündet jetzt: “Heute ab 17 Uhr geöffnet”. Irgendwie ist auf dieser Tour der Wurm drin.

Also nochmal Richtung Belveder.

Und jetzt keine Experimente mehr und den grün markierten offiziellen Abstieg benutzt. Der beginnt etwas versteckt hinter dem Parkplatz. Auf steinaltem Pflaster geht es im Zickzack bergab. Ein wirklich schöner Weg.

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Unten angekommen scharf rechts. Und dann immer geradeaus, auf halber Höhe parallel zur Straße im Tal. Der Weg ist einfach zu gehen, freigeschnitten, und von der Straße bekommt man erfreulicherweise kaum etwas mit.

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Wir landen am Ortseingang von Herrnskretschen. Noch ein Stück auf dem Bürgersteig elbabwärts, und die Runde ist komplett.

Fazit: na, das waren dann doch 21 Kilometer. Und Dank des mehr oder weniger missglückten Abstechers auch recht anstrengende solche. Aber diesen Abstecher kann man ja problemlos weglassen. Der Rest verspricht viel Natur und sehr viel Einsamkeit im Wald.

Zum (bedingten) Nachwandern:

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