40 Tonnen Stahl und nette Aussichten Oder: "Gut gemeint" ist das Gegenteil von "Gut"

Es ist schon viel diskutiert worden im Netz der Netze. Worum ging es? Die tschechische Nationalparkverwaltung hat den Zugang zu den Resten der Felsenburg Falkenstein (Falkenštejn) ausgebaut. Bisher war das eigentliche Plateau mit den Resten der Burg nur sehr mühsam zu erreichen, der Pfad bis zum Felsfuß dagegen mächtig ausgelatscht und erodiert. Schon als erste Bilder die Runde machten – die Parkverwaltung selbst spricht von 40 Tonnen verbautem Stahl – kam es zu Unmutsbekundungen. Nun soll man aber nicht schimpfen, ohne sich selbst ein Bild gemacht zu haben. Es folgt also eine kleine Runde mit den Zielen Falkenstein, Balzhütte und dem Marienfelsen.

Start ist in Dittersbach (Jetřichovice ). Direkt gegenüber der Touristeninformation gibt es hier Parkplätze, außerdem auch unterhalb der Kirche. Rechts von der Touristeninformation gehen gleich mehrere Wanderwege los, wir folgen also zunächst einem roten, einem blauen und einem gelben Strich. Bis an den Waldrand, wo wir auf dieses hochfeudale Gebäude treffen.

  Kinderheim

Das war mal ein Kinderheim, steht aber seit vielen Jahren leer. Immerhin scheint man aber noch die nötigsten Erhaltungsarbeiten auszuführen, denn wirklich vergammelt sieht es nicht aus. Hier am Kinderheim trennen sich jetzt die Wege, wir folgen dem gelben Strich nach rechts. Es geht jetzt ins Stammbrückental. Aber nur wenige Meter, und schon treffen wir am linken Wegesrand auf einen Pfahl, der sicher mal einen Wegweiser aufnehmen soll.

 Steht da so rum…

Direkt an diesem Pfahl beginnt jetzt der neue Zugang zum Falkenstein. Wirklich ein neuer Zugang, hier gab es vordem keinen Weg, das ist alles komplett neu angelegt worden. Warum, dazu kommen wir später. Jetzt geht es erst mal auf ein paar ordentlichen Holzstufen aufwärts.

  Holzstufen

Gleich dahinter dann aber auch schon die ersten Stahlteile. Nein, schön sind diese Treppen nicht. Dafür aber für die Ewigkeit geschaffen.

Danach geht es aber erst mal auf normalen Pfaden weiter bis an den Fuß des Falkensteins.

Hier fällt zunächst ein Sperrschild auf. Offiziell die Anlage nämlich noch nicht eröffnet. Was aber niemanden juckte, außer uns hatten sich noch andere Neugierige eingefunden. Und was dann sofort auffällt: man hat einen Weg rund um den Felsen ausgebaut. Den gab es zwar früher auch schon, er führte aber auf einem verdammt schmalem Pfad am Abgrund entlang. Jetzt kann man hier auf einer kleinen Galerie geradezu flanieren.

  Offiziell noch gesperrt

 Rundweg

Also einmal rum, und wir stehen vor dem Einstieg in jene Spalte, die früher ein nicht eben kleines Hindernis darstellte. Davon ist jetzt nichts mehr übrig. Die Spalte ist zwar immer noch eng und steil, eine mehr als gut gesicherte Treppe macht es aber leicht, da hochzukommen.

  Neue Treppe

Einmal ohne große Probleme hoch, und wir stehen oben. Und sind jetzt wirklich enttäuscht. Von der ein wenig märchenhaft-verschlafenen Romantik des Plateaus ist nichts mehr übrig. Statt dessen stählerne Plattformen, soweit das Auge reicht. Leider lenken diese Plattformen auch komplett von den Resten der Burganlage ab, diese gehen im optischen Overkill geradezu unter. Man möge sich selbst einen Eindruck machen:

Ein bisschen was von der alten Burg sieht man natürlich trotzdem noch, so ein paar Stufen, ein Felsgemach mit Fenstern oder ein Fundament. Was aber alles vom Anblick des schieren Stahls erschlagen wird.

Wir können jetzt das Plateau wieder verlassen und dann auf einem anderen Weg zurück ins Stammbrückental gehen. Auf jenem Weg, der bisher schon als Zugang diente. Auch hier treffen wir wieder stählerne Treppen an.

 Rückweg

Also jetzt zwei Zugänge zum Felsfuß. Die Nationalparkverwaltung beabsichtig so, eine Art “Rundweg” zu schaffen, und damit die Besucherströme zu kanalisieren. Mal sehen, ob das funktioniert.

Bleibt ein komischer Nachgeschmack. Ich versuche mal, Argumente gegeneinander aufzuwägen:

Positiv:

  • Der Falkenstein ist jetzt auch für klettermäßig weniger Geübte erreichbar.
  • Boden und Sandstein sind sicher vor Tritterosion geschützt.
  • Dittersbach bekommt eine neue Attraktion.

Negativ:

  • Das alte Flair der Anlage ist ziemlich hinüber.
  • Alles wirkt hoffnungslos überdimensioniert.
  • Mit ein wenig Pech kann sich hier jetzt Massentourismus entwickeln.

Alles in allem fällt mir da ein Spruch meiner Oma ein: “Gut gemeint” ist das Gegenteil von “Gut”.  Dem will ich hier mal nichts weiter hinzufügen.

Wir stehen also wieder im Stammbrückental und setzen unseren Weg nach links fort. Das Tal ist erst mal nichts besonderes, es zieht sich sanft nach oben, ein paar nette Felsen und ein Bächlein gibt es am Wegesrand zu sehen.

 Stammbrückental

An einer Kreuzung trifft dann der Wanderweg “Blauer Strich” zu uns, dem wir nach links folgen. Jetzt wird der Weg auch gleich wieder spannender, es geht immer mal runter, durch Täler und auf der anderen Seite wieder hoch.

Der blaue Weg führt uns dann über eine größere Kreuzung mehrerer Waldwege direkt zur Balzhütte (Na Tokáni). Eigentlich ein Komplex mehrerer ehemals fürstlicher Jagdhütten. Hier kann man jetzt mal einkehren.

  Balzhütte

 Balzhüttenwächter

Gestärkt gehen wir zurück zur großen Kreuzung und folgen dort zunächst einem gelb markierten Weg bis zu einem Rasthäuschen. Hier geht es jetzt rot markiert nach links weiter. Der Weg wird schnell zu einem wirklich schön Pfad mit vielen kleinen Einbauten wie Treppen oder uralten Geländern.

Besonders auffällig ist, das hier immer wieder große Teile der Felsen abgeschlägelt wurden, um den Weg begehbar zu machen.

 Platz geschaffen

Ein kleiner Abstecher vom Weg führt uns dann zur Wilhelminenwand. Benannt nach einer Fürstin aus dem Hause Kinsky haben wir hier mal eine richtig gute Aussicht.

Nächstes Ziel ist Balzers Lager, ein großer Felsüberhang, in dem auch ein paar Bänke auf den Wandermann warten.

  Balzers Lager

Und schließlich kommen wir zum Marienfelsen. Auch hier wieder ein wirklich netter Aufstieg über allerlei Treppen und Leitern.

  Marienfelsen

Oben dann eine kleine Schutzhütte mit einem Bild der Namensgeberin (auch ein Fürstin Kinsky). Und vor der Schutzhütte hat man geschwind das kleine Plateau mit eben solchen Gitterrosten ausgelegt wie den ganzen Falkenstein. Das scheint Schule zu machen.

  Schon wieder Gitterroste

Dafür hat man von hier einen wunderbaren Blick auf den benachbarten Rabenstein. Der ist von einem Waldbrand kahl gefressen worden, was irgendwie gruselig aussieht. Aber wer genau schaut, erkannt unter den alten Baumleichen schon wieder jede Menge junge Vegetation.

  Rabenstein

Der weitere Weg führt jetzt ziemlich knackig in die Tiefe, ein paar uralte Treppen sogen für den nötigen Spaß.

 Noch ne Treppe

Schließlich landen wir wieder am Kinderheim in Dittersbach und haben die Runde vollendet.

Fazit: es war eine kleine Runde, der Jahreszeit angemessen. Der Ausbau auf dem Falkenstein hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck. Einerseits ist der Wunsch, den Fels zu schützen und erlebbar zu machen, verständlich. Andererseits kann man eben auch übertreiben. Beim nächsten Mal bitte etwas mehr Fingerspitzengefühl.

Zum nachwandern:

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4 Gedanken zu „40 Tonnen Stahl und nette Aussichten Oder: "Gut gemeint" ist das Gegenteil von "Gut"

  1. Ja, was man da sieht darf man getrost als ‚Sternstunde tschechischer Stahlbaukunst‘ bezeichnen. Ich wusste gar nicht, das die Eisenpreise so gesunken sind das man sich bei der Konstruktion derartig gehen lassen kann.
    Feingefühl scheint den zuständigen Ingenieuren ein wenig abhanden gekommen zu sein. Wehmütig erinnere ich mich an Zeiten als man den Falkenstein durch wagemutige Kletterei erobern musste. So bleibt mir ein schwacher Trost: Wenn ich in 20 Jahren 70 bin, kann ich den Falkenstein immer noch mit Krückstock/Rollator besteigen. Hoffentlich ereilt mich dann beim Anblick dieser abenteuerlichen Konstruktion kein Herzkasper.
    (Ich habe ja jetzt schon Schnappatmung beim Anblick von viel Eisen)
    Kleiner Tipp an die Gemeinde Jetrichovice: Die Steinstufen unter den Gitterrosten einmal im Jahr von Laub und Unrat zu befreien, damit man sieht, das man sich auf einer alten Burg befindet und nicht im Treppenhaus des Empire State Building.

  2. Ein ganzes Stück weniger Stahl hätte auch gereicht. Beispiel Winterstein im Kleinen Zschand: eine eiserne Leiter, eine Treppe und oben auf dem Gipfelplateau keine Geländer, und das klappt seit vielen Jahrzehnten gut dort.
    Jetzt muß man ja nach einem Besuch auf dem Falkenstein befürchten, daß man beim Biertrinken in Dittersbach einen Metallgeschmack im Mund hat. Übrigens in dem nach oben offenen Felsraum auf dem Gipfel, in den paar Stufen runterführen, steht in der linken oberen Ecke der Gottesname „IEHOVA“ in seiner mittelalterlichen Schreibweise. Zum Glück hat man nicht noch den Burgbrunnen in der Spalte auf der Ostseite zugänglich gemacht.

  3. Böhmische Trempi (Wandervögel) werden wohl eher sagen „Katastropha“. Im Gegenzug sind ja Gott sei Dank alle künstlichen Holzeinbauten der Tramper im Nationalpark verschwunden. Aber noch gibt es diese hässlichen Boofenkunstbauten in der Daubaer Schweiz und im Böhmischen Paradies.
    Aoj und Berg Heil

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