Balzhütte mal etwas anders

In wunderbarer Lage wartet die Balzhütte (Na Tokáni) auf Gäste. Hier treffen sich mehrere Wanderwege, weshalb sich Touren zu den Hüttchen selten wiederholen. Dank Rolf Böhms neuer Karte, die ja die Region rund um die Balzhütte abbildet, haben wir mal An- und Abmarsch auf bisher unbekannten Wegen probiert. Dabei haben wir uns auch ein paarmal verfranzt, aber nie wirklich schlimm. Wir befanden uns also auf wunderbar einsamen Wegen, entdeckten außerdem bekannte Wege aus neuer Perspektive, mussten das Verschwinden eines weiteren Weges konstatieren und außerdem mit großen Bedauern vor einer wohl dauerhaft geschlossenen Gaststätte stehen. Gehen wir es also an.

Start ist an der einsamen Touristinformation an der Straße zwischen Kreibitz (Chřibská) und Daubitz (Doubice). Hier gibt es ein paar kostenlose Parkplätze. Das einsame Haus hat die alte deutsche Bezeichnung Lerchenschänke, tschechisch findet man es auf Karten als U Sloupu.

Ehe wir die eigentliche Wanderung beginnen, machen wir einen kurzen Abstecher. Dazu gehen wir auf der Straße nur rund 50 Meter zurück, bis zu diesem kleinen Rastplatz mit Erklärtafel:

  Erklärbär

Auf der wird uns das Ziel des Abstechers, nur auf tschechisch, näher gebracht: die Reste der Burg Chřibský hrádek, deutsch Niederkarlstein oder Unterer Karlstein. Wir schlagen uns also in den Wald, um schon nach wenigen Metern links abzubiegen. Es geht bergauf.

  Hier hoch

Auf halbem Weg zeigt uns ein kaum noch lesbarer Wegweiser an, das wir richtig sind.

  Aah, ja.

Der Weg wird schnell zum Pfad und windet sich im Uhrzeigersinn um eine Felsmurmel. Auf deren Gipfel liegt dann auch unser Ziel.

  Einmal rum

Wer jetzt eine tolle mittelalterliche Burg erwartet hat, der wird ein langes Gesicht ziehen. Denn viel mehr als einen ausgeschlegelten Keller sieht man nicht mehr. Der erinnert an ähnliche Reste beim Zeidler Raubschloss oder bei der Wolfsburg. Ist aber um einiges größer.

Außerdem finden wir die Jahreszahl “1698”. Die muss aber angebracht worden sein, als die eigentliche Burg schon aufgegeben war. Was nämlich schon um 1440 passiert ist.

  Jahreszahl

Ansonsten ist über die Burg nicht viel bekannt. Wer historisch interessiert ist, der findet hier eine ausführliche Abhandlung auf deutsch. Wer weniger historisch interessiert ist, der sieht eh nur ein Loch im Boden und kann sich diesen Abstecher eigentlich auch sparen. Wir gehen aber zunächst mal zurück zum Parkplatz.

Auch hier steht so eine Infotafel herum, und rechts davon beginnt ein nicht markierter Weg. Genau hier:

  Ab jetzt ohne Markierung

Ab jetzt sind wir so ein wenig frei Schnauze und mit Hilfe der Böhmkarte durch den Wald gestoppelt. Ich will also nicht viel beschreiben, der geneigte Nachwanderer kann den GPS-Track am Ende des Textes gern benutzen. Der Weg war in seiner ganzen Länge komplett einsam, mal breiter, mal pfadiger. Es gab kerngesunden Jungwald genauso zu sehen wie borkenkäferzerfessene Baumleichen. Auch ein paar kleinere Aussichten und Spuren schwerer Forstmaschinen. Ein paar Impressionen:

  Einsamer Weg

Zu guter Letzt landen wir auf der schmalen Straße, die direkt zur Balzhütte führt. Die gehen wir nur ein paar Meter nach rechts und biegen sodann gleich wieder rechts in den Wald ab. Ein gelber Strich hilft weiter. Es geht leicht abwärts über etwas wurmstichige Brücken.

  Hält noch

Sodann sehen wir zur Linken eine einzelne Felsmurmel, die ein wenig wie ein Schweizer Käse aussieht. Mit deren Namen hat es etwas auf sich. Der brave Ossi unter den Lesern wird sich sicher an eine wunderbare tschechische Zeichentrickserie erinnern: Der brave Räuber Fürchtenix. Selbiger hatte auch einen Sohn: Spurtefix. Auf tschechisch hieß der: Cipísek. Und genau so heißt auch der Felsen hier. Spurtefix scheint auch ein Kletterfels zu sein, zumindest gibt es einen Abseilring. Für geübte Kletterer dürfte der Aufstieg ein Spaziergang sein.

  Cipísek

Noch ein paar Meter weiter, und wir erspähen einen unauffälligen Pfad zur Linken, den wir für einen weiteren kleinen Abstecher nehmen.

  Da lang

Der Pfad führt zu den Pferdeständen. Das sind mehrere große Felsüberhänge. Und wie so oft hier, dienten auch sie als Versteck für Nutzvieh, während die Schweden im Lande marodierten. Es macht Spaß, da ein wenig herumzuturnen. Und man entdeckt sogar noch ein paar alte Felsstufen.

  Pferdestände

Zurück auf dem Hauptweg und noch ein paar Meter weiter sehen wir rechts eine Gedenktafel, die an den Besuch der Fürstin Wilhelmine Kinsky im Jahre 1849 erinnert. Geboren war die als Wilhelmine Elisabeth von Colloredo-Mannsfeld, das hätte nicht auf die Tafel gepasst. Aber auch so müssen wir uns mit einem “W” und der Jahreszahl begnügen.

  Da war die Wilhelmine gewesen

Aber zunächst müssen wir uns entscheiden. Geradeaus ginge es auf direktem Weg nach oben, nach rechts geht es durch die Enge Stiege (Úzké schody). Unser Plan sah vor, direkt nach oben aufzusteigen und dann von oben dem Kinsky-Pfad (dazu später mehr) zu folgen. Es ging schief. Warum? Geduld! Zunächst also direkt hoch. Eine Holztreppe und mehrere Steinstufen, und schon stehen wir vor der Theodorenhalle.

 Direkter Aufstieg

Selbige ist keine Halle, sondern es sind zwei Felsspalten mit einer kleinen Leiter drin.

  Theodorenhalle

Jetzt sind wir ganz oben auf der Höhe des Tännicht (Jedlina) angekommen.

  Tännicht

Und von hier gab es einen direkten Zugang zum Kinsky-Pfad. Die Betonung liegt auf “gab”. Obwohl auf der Karte noch eingezeichnet, machen hunderte gefällte Bäume, meterhoher Farn und hässliches Dornenzeugs im Unterholz den Weg praktisch unmöglich. Wir haben nach weniger als 100 Metern aufgegeben. Also zurück, nochmal durch die Theodorenhalle. Und gleich dahinter den Abzweig zur Engen Stiege genommen. Landschaftlich sehr schön mit kleineren Aussichten geht es bis zum Einstieg. Die eigentliche Stiege besteht dann aus drei steilen Eisenleitern in einem Felsspalt. Alles ist hervorragend abgesichert, teilweise gibt es sogar einen Handlauf.

  Enge Stiege

Ich empfehle also, den Abzweig auf dem Tännicht zu vergessen. Statt dessen sollte man aber aus der Engen Stiege und dem direkten Aufstieg einen Rundweg, egal in welche Richtung, machen. Weil es einfach Spaß macht und landschaftlich wunderbar ist.

Zurück auf der Straße zur Balzhütte folgen wir der wieder nur ein paar Meter nach rechts und spähen in den Wald. Auf der rechten Seite entdecken wir einen Pfad, der nach oben führt. Geschwind genommen. An einer ersten Felsmurmel erspähen wir schon ein paar Treppenstufen. Hinauf und Bingo: wir sind auf dem Fürst-Kinsky-Jägerpfad. Angelegt hat den wahrscheinlich der Fürst Ferdinand Kinsky. Ob er tatsächlich der Jagd (etwa auf den Auerhahn) diente oder ob er nur dem Lustwandeln galt, bleibt offen. Spaß macht er auf jeden Fall. Viele alte Treppen, Balkenholzlager und garantierte Einsamkeit. Eine Zeit lang war der Pfad auch markiert, in Eigeninitiative des Wirtes der Balzhütte. Diese Markierungen sind verschwunden, da hat wohl jemand in der tschechischen Nationalparkverwaltung nichts zu tun gehabt. Verlaufen kann man sich aber kaum, der Wegeverlauf ist eindeutig.

  Fürst-Kinsky-Jägerpfad

Einige wirklich schöne Aussichten gibt es hier auch. Wobei besonders die Aussicht Mariensruh zu empfehlen ist. Benannt ist die nach der Tochter des Fürsten Kinsky, welche hier, nun ja, eben zu ruhen pflegte. Können wir jetzt auch machen.

Wir sehen uns hier oben also satt und steigen dann ab. Recht steil in ein paar Kehren geht es runter durch die Ferdinand-Ullrich-Schlucht. Wir sehen das Gasthaus schon von hinten.

  Hintenrum

Jetzt können wir einkehren. Und es folgt gleich mal eine schlechte Nachricht. Im Komplex der Balzhütte (Na Tokáni), die ja eigentlich aus mehreren Hütten besteht, gab es dereinst zwei Gasthäuser. Eines in der vordersten und eines in der hintersten Hütte. Letzteres ist Geschichte. Alles zu und verrammelt, ein Blick durchs Fenster zeigt einen komplett ausgeräumten Gastraum. Da schaut sogar der Heiland gegenüber traurig.

 

Also zurück zur vorderen Gaststätte. Hier treffen sich mehrere Wanderwege, und ganz schamlose Besucher fahren auch mit dem Auto ran. Was eigentlich nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Aber die scheint es reichlich zu geben. Es ist also immer viel Betrieb, man kann auch solche merkwürdigen geländegängigen Tretroller ausleihen.

  Gasthaus Balzhütte

Das Essen ist bodenständig böhmisch, die Preise günstig, die Bedienung bei vollem Haus oft ein wenig überfordert. Man sollte einfach Zeit mitbringen, schließlich ist man auf Wanderschaft und nicht auf der Flucht.

Kleine Episode am Rande: bei vollem Biergarten setzte sich ein Herr zu uns an den Tisch. Deutscher und mit dem Mountainbike unterwegs. Wohl sehr geschwind unterwegs, denn er bestellt sich gleich zwei Bier am Stück, und dann noch ein drittes hinterher. Zügig, aber ohne Hast, leerte er die innerhalb von 20 Minuten und schob eine Gulaschsuppe nach. Auch die nahm er wohl etwas zu zügig ein, bekam etwas davon in die falsche Kehle und spie einen guten Mund voll Suppe quer über den Tisch. Wischte auf, zahlte und empfahl sich. Wir hatten noch eine Weile ein nettes Gesprächsthema.

Wohl gestärkt gehen wir dann auf der Straße wieder ein kleines Stück zurück. An einer Kreuzung treffen sich mehrere Wege im Dreieck. Wir nehmen jenen mit dem Blauen Strich. Der Weg wird schnell zu einem Pfad mit Treppen, der kaum begangen ist und Spaß macht.

Bei dritter Gelegenheit (am besten mit dem GPS-Track vergleichen) verlassen wir den markierten Weg nach links. Es geht ohne Wegweiser, aber auf recht breitem Weg weiter. Aber Obacht, hier lauert eine Falle: bei diesem Hochstand….

…teilt sich der Weg. Rechts ist man schnell gelaufen, denn diese Richtung ist breit und deutlich zu erkennen. Links ist aber richtig, schmaler und schnell übersehen. Wir haben auch eine kleine Ehrenrunde gedreht. Der richtige Weg bringt uns dann wieder an die Straße zur Balzhütte. Der müssen wir nur noch wenige Meter nach rechts folgen und stehen wieder an der Touristinformation und somit am Parkplatz.

   Auf den letzten Metern Straße

Fazit: gerade mal 15 Kilometer. Aber durch gelegentliches Verfranzen und viel hoch und runter durchaus kein Spaziergang. Viele kleine und größere Höhepunkte am Wegesrand, deshalb nie langweilig. Abseits der markierten Wege große Einsamkeit im Wald. Sowohl den Kinsky-Pfad als auch die Enge Stiege bin ich bisher immer in die andere Richtung gelaufen. Da haben sich gleich ein paar neue Perspektiven ergeben.

Zum Nachwandern:

6 Gedanken zu „Balzhütte mal etwas anders

  1. Der Bereich um die Enge Stiege herum ist eine wirklich wunderschöne Ecke mit geradezu wilder Landschaft. Das beste daran ist, dass die Gegend überhaupt nicht überlaufen ist und sich die Natur in aller Ruhe genießen lässt. (Im Gegensatz zu Na Tokani selbst, wo eigentlich immer etwas los ist!)
    Ich fahre dazu gerne mit dem MTB von Jetřichovice nach Na Tokani hinauf. (Man kommt ganz schön ins schwitzen.) Ab da geht’s dann zu Fuß weiter.

  2. Danke für den Tipp. Bin im Herbst mit der buckligen aber doch sportlichen Verwandtschaft in der Gegend. Diese Runde werden wir wohl nachwandern.

  3. Wir sind den Pfad zu Pfingsten gegangen, wenn auch anders herum. Farn gab es zwar auch aber es war gut machbar von dieser Seite aus. GPS Gerät war aber schon erforderlich da mancher „Weg“ sich als Wildpfad entpuppt.

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