Zittauer Gebirge Eins–die Entdeckung der Langsamkeit

Ich bin zurück nach einer Woche Urlaub im Zittauer Gebirge. Herrliche Landschaft, atemberaubende Aussichten, wunderbare Wege, die allesamt auch noch vorbildlich markiert sind. Und dennoch: irgend etwas stimmt hier nicht. Weshalb ich diese kleine Serie rund um den wunderbaren Landstrich mal mit einigen allgemeinen Bemerkungen beginnen möchte.

DSCN2111 Blick auf den Sokol

Was stimmt denn nun nicht?

Es ist einfach keine Sau da. Also, keine Touristensau. Wir nächtigten in der Jugendherberge zu Jonsdorf, und die war, in den Sommerferien bei herrlichem Wetter, höchstens zu einem Viertel belegt. Desgleichen überall an den Pensionen Schilder “Zimmer frei”. Mehrfach haben wir, sogar an touristischen Brennpunkten wie dem Nonnenfelsen, ganz allein im Biergarten gesessen.

Und das hat Auswirkungen!

Eben, hier dreht sich eine böse Spirale nach unten. Es war mein vierter Besuch in der Region, und jedes Mal gab es einen Laden oder eine Gaststätte weniger. In den verbliebenen wird Sparflamme gefahren. Und so steht man, ganz allein an der Selbsbedienungstheke, schon mal mehr als fünf Minuten nach einer schnöden Bockwurst an, weil gerade keine warm sind – und die einzige Kraft hinter der Theke sich auch noch um den Eisstand kümmern muss. Nicht besser im Jonsdorfer Supermarkt. Dort gibt es auch nur einen Verkäufer, und der muss Kasse und Leergut erledigen. Die Kasse ist dabei eines jener Modelle, an die man sich schon kaum noch erinnern kann: jeder Preis wird einzeln eingetippt, und am Ende kommt die Gesamtsumme unter Rattern auf einem Papierstreifen raus. Klar, wenn da mal mehr als drei Kunden auf einmal kommen, dann dauert es eben. Alles dauert hier. An der Turmbaude auf dem Hochwald kamen wir zufällig mit einer größeren Touristengruppe zusammen an. Es gab nur eine Bedienung, und wir warteten auf zwei simple Getränke 20 Minuten. Selbst in der Jugendherberge war es eher ein Ratespiel, ob ein Ansprechpartner vorhanden war. Die meiste Zeit war die Rezeption unbesetzt und ein Zettel mit einer Telefonnummer (Für Notfälle) klebte an der Scheibe.

Und selbst mit dem Plastikgeld sieht es trübe aus: Karten werden nur selten akzeptiert, Bargeld ist gefragt. Aber um an das ranzukommen, bedarf es einiger Anstrengungen. In Jonsdorf oder Lückendorf gibt es gar keine Geldautomaten (Und beide Gemeinden nennen sich Kurort), in Oybin steht einer. Der wird aber nicht von der Sparkasse (und die meisten Besucher dürften Kunden der Sparkasse sein) betrieben. Nein, der gehört irgend einer mir völlig unbekannten Bank und hat mir für die Abhebung satte vier Euro Gebühren berechnet. Aber ich konnte ja nicht anders. Man ärgert sich einfach.

Wohin führt das?

Klar, es führt dahin, dass perspektivisch noch weniger Touristen kommen. Denn ich will nicht nach jedem Mist ewig anstehen oder verzweifelt nach einem Servicemitarbeiter suchen. Es ist vertrackt: für die wenigen Touristen lohnen sich mehr Mitarbeiter nicht, aber diese wenigen Touristen sind ob des trägen Service auch nicht begeistert und kommen nicht wieder. Eine böse Falle.

Was wäre zu tun?

Ich bin ein Klugscheißer, aber so ein paar einfache Tipps hätte ich doch. Zum ersten: ein “wegen Reichtum geschlossen” darf es in einer solchen Region nicht geben. Nach wie vor gönnen sich hier zahlreiche Ausflugsgaststätten ein bis zwei Ruhetage in der Woche – mitten in der besten Saison. Zweitens: für die Region muss zentral geworben werden. Während etwa der Tourismusverein Sächsische Schweiz aus allen Rohren für die Region trommelt, wirbt hier noch jedes Nest und jede Pension irgendwie allein. Kein Wunder, dass viele diese Gegend einfach nicht kennen. Und damit etwas verpassen. Denn Wandern ist “In”, und das Zittauer Gebirge bietet vorzügliche Wanderrouten – abwechslungsreich, mit tollen Wegen und Pfaden, gigantischen Aussichten und kaum Restriktionen, wie sie sonst in Nationalparks üblich sind. Fast die ideale Wandergegend also. Womit ich zu drittens komme: sicher ist auch der eine oder andere potentielle Gast davon abgeschreckt, dass die Region wirklich im letzten Zipfel Deutschlands liegt – schwer zu erreichen. Bei allen Anfahrtsbeschreibungen habe ich aber die simpelste vermisst: statt sich über Bautzen hierher zu quälen, kann man in der Hälfte der Zeit über Tschechien anreisen. Warum wird das nirgends beschrieben? Und warum wird die Region nicht beidseitig der Grenze vermarktet? Die Sächsisch-Böhmische Schweiz macht es vor.

Und was mache ich?

Ich will mein kleines Scherflein beitragen und werde hier in den nächsten Tagen fünf Wandertipps veröffentlichen, die allesamt (mit kleinen Abstrichen) zu den wirklichen Top-Touren zählen. Vielleicht bekommt dann ja der eine oder andere Lust, die hässliche Abwärtsspirale aufzuhalten und seinen nächsten Wanderurlaub hier zu planen.

4 Gedanken zu „Zittauer Gebirge Eins–die Entdeckung der Langsamkeit

  1. Hallo Arndt,

    „statt sich über Bautzen hierher zu quälen, kann man in der Hälfte der Zeit über Tschechien anreisen.“

    Das würde mich aber sehr interessieren, welche Route du da meinst.
    Es stimmt schon: Schandau Zittau sind ja nur 30km, allerdings Luftlinie 🙂

    Gruß
    Michael

  2. Sehr gute Beschreibung. Habe eine Woche Urlaub in der Fränkischen Schweiz gemacht und hatte dort aehnliche Gedanken. Den nächsten spontanen Kurzurlaub hab ich dann doch auf der sicheren Seite in Südtirol verbracht. Was war da nun zuerst, die Henne oder das Ei?

  3. Und wie zur Bestätigung der teils traurigen Erfahrungen: Nachdem ich vor ca. acht Wochen Anfragen an verschiedene Pensionen und Hotels dees Zittauer Gebirges zwecks einer Gruppenreise über Himmelfahrt (9 Zimmer) als E-Mails versandte, kam jetzt die erste und einzige Antwort – per Postkarte … Da fällt mir nix mehr ein. Und deswegen fahren wir alle in die Fränkische Schweiz, weil die waren durchweg kommunikativ, freundlich und vor Allem fix.

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