Geiersburg und Mückentürmchen Erzgebirge, zum Zweiten

Wenn wir schon mal im Erzgebirge waren, dann bleiben wir auch gleich mal dort. Auf dieser Tour, die bei eher durchwachsenem Wetter stattgefunden hat und trotzdem Spaß machte, erwarten uns: mehrere Kleindenkmäler und Gedenksteine, ein gruseliges Windrad, ein geheimnisvoller Teich, eine herrliche Burgruine, ein Kalvarienberg, ein stilvoller Friedhof, eine renovierungsbedürftige Wallfahrtskirche, ein Sessellift, gute böhmische Küche sowie ein ziemlich heruntergekommenes Dorf. Man möge mir also folgen.

Starten wir also in Fürstenau. Die Dorfstraße endet hier als Sackgasse an der Grenze, im hinteren Teil des Dorfes gibt es aber einen gut ausgebauten und zudem kostenfreien Parkplatz. Da steht die Karre erst mal sicher.

  Reichlich Platz

Wir folgen weiter der Dorfstraße in Richtung Grenze. Dabei kommt das Endziel dieser Tour, das Mückentürmchen (Komáří vížka) schon mal ins Blickfeld. Aber Geduld, ehe wir dort sind, gilt es noch eine ordentliche Runde zu tippeln.

  Kommt erst ganz zum Schluss

Zunächst geht es weiter durch Fürstenau. Wir stellen fest: hier hat man der politischen Wende vor 30 Jahren ein einfaches Denkmal gesetzt:

  Ah, ja

Und hier versteht man, aus Krempel Kunst zu machen. Der Monchhichi hat mir aber leid getan, muss er doch bei Wind und Wetter seinen Plüsch zu Markte tragen.

  Ist das Kunst oder kann das weg?

Wie dem auch sei, wir erreichen die Grenze. Aus der Straße wird hier ein Feldweg, ein dicker Brocken sollte auch ganz sture Automobilsten abschrecken – und ganz sicher auch jene Gestalten, die den Unterschied zwischen dein und mein beim Autoerwerb nicht so recht begriffen haben.

  Grenze

Obendrein gibt es hier einen Gedenkstein samt Erklärbär-Tafel, der an die böhmischen Dörfer erinnert, die im Zuge der Vertreibung der Deutschen nach 1945 vom Erdboden verschwunden sind.

  Gedenkstein

Nur wenige Meter weiter finden wir zur Rechten ein merkwürdiges Hüttchen. Eine Tür hat es nicht mehr, und in seinem Inneren entdecken wir mehrere Stühle und eine Campingtoilette. Ob deren Zustands empfehle ich in beiden Fällen, von einer Benutzung dringend abzusehen.

  Wackelige Sache

Sodann kommt, wieder rechts, noch eine Gedenkstelle. Die gemahnt an die Opfer eines Todesmarsches von KZ-Häftlingen kurz vor Ende des II. Weltkrieges.

Vor uns sehen wir jetzt schon Voitsdorf (Fojtovice). Der Ort hat nach der Vertreibung des Deutschen leider eine üble Entwicklung genommen, die bis heute anhält. 1945 gab es hier noch:

  • 163 Häuser
  • 820 Einwohner
  • Postamt, Bank, vier Mühlen, eine Schmiede
  • sechs Kneipen, zwei Bäcker, fünf Lebensmittelläden
  • zwei Textilgeschäfte, drei Fleischer
  • eine Kirche
  • drei Hutfabriken

Von alledem ist nichts mehr übrig. Riesige Rinderställe beherrschen heute das Ortsbild, es gibt noch 95 Einwohner in 14 Häusern. Gleich am Ortseingang stehen zwei sozialistische Wohnblocks, die davon künden, das es auch nachdem die Deutschen weg waren, wenig fein weiterging: in diese Blocks hat man damals Zig… Verzeihung: Roma, aus dem Landesinneren zwangsumgesiedelt. Es muss wohl noch ein wenig Wasser die Moldau herunterfließen, ehe diese Ereignisse historisch aufgearbeitet werden.

  Voitsdorf

Wir kommen also an die erste – und einzige – Kreuzung im Ort und halten uns links. Und hier sehen wir doch gleich wieder etwas optimistischer in die Zukunft. Denn an dieser Stelle stand einst ein Kruzifix, welches über Jahrzehnte nur noch aus einem gammeligen Sockel bestand. Jetzt krönt den wieder ein kleines Kreuz und eine nagelneue Inschrift.

Wir verlassen die Straße und gehen rechts am Kreuz vorbei auf einen unmarkierten Feldweg. Der führt zunächst an einem Stall vorbei. Und dann direkt auf einen riesigen Windkraft-Rotator zu. Es geht wirklich haarscharf an dem Monstrum vorbei, man wandert unter den rotierenden Flügeln durch. Ehrlich, ich fand das ob der schieren Größe dieses Teils etwas gruselig und war ganz froh, vorbei zu sein.

  Riesenpropeller

An der nächsten Kreuzung gibt es dann zahlreiche Wegweiser, wir halten uns rechts und gehen somit direkt auf das Mückentümchen zu.

  Da lang

Aber keine Bange, die Tour ist noch lange nicht zu Ende. In einer kleinen Senke sehen wir zunächst dieses Kruzifix:

  Alles wieder schön

Das ist das Goldammer-Kreuz. Und es lag über Jahrzehnte umgestürzt im Gras. Jetzt erstrahlt es in alter Pracht. Ich persönlich erfreue mich immer wieder an solchen kleinen Gesten. Zeigen sie doch, dass die zweite und dritte Generation der Tschechen nach 1945 so langsam eine Beziehung zur Geschichte der Region entwickelt.

Kurz vor dem Goldammer-Kreuz konnten wir übrigens schon einen prächtigen Panoramablick hinab ins Böhmische Becken genießen.

Gleich hinter dem Kreuz geht nach links ein breiter Waldweg ab, der mit einer Schranke versperrt ist. Die gilt aber nur für motorisierte Zeitgenossen. Denn hier beginnt auch die Markierung “Grüner Strich”, der wir jetzt folgen.

  An der Schranke vorbei

Der Waldweg ist sehr entspannt zu laufen, es geht stetig abwärts. Neben dem grünen Strich finden wir hier auch die Markierung des grenzüberschreitenden Bergbaulehrpfades.

Und neben uns plätschert gar lieblich der Hohensteiner Bach (Uncínský potok), dem wir jetzt noch eine ganze Weile folgen werden.

  Bächlein

Schließlich landen wir am Kesselteich (Kotelní jezírko). Wunderschön ist es hier, es gibt auch einige Bänke und ein Rasthäuschen auf einem Steg. Zeit, eine Pause zu machen.

Um den Teich rankt sich auch eine Sage. Und die geht so:

Inmitten der Waldesstille, in wunderschöner Natur am Ufer des Teiches, versprachen sich einst zwei junge Leute aus Hohenwald die Treue. Er war ein armer Müller, sie die Tochter eines reichen Bauern. Beide wussten, dass ihre Liebe viele Hindernisse zu überwinden hatte. „Was auch immer passiert, selbst wenn uns das Schicksal trennt – dieser Ort verbindet uns, hier werden wir uns wiedersehen!“ Der junge Müller schaute bei diesem Versprechen seiner Liebsten tief in die Augen, in denen sich der blaue Wasserspiegel des Waldteiches widerspiegelte.

Der reiche Bauer, der Vater des Mädchens, wünschte diese Liebe nicht. Als die Werber des Militärs durch die Gegend zogen, bestach er sie, damit sie den Müller mit sich nehmen sollten. Für seine Tochter fand er einen – seiner Meinung nach – besseren Bräutigam, und nach einem Monat hielt er die Hochzeit ab. Das Mädchen flehte, klagte, beschwor den Vater, der aber blieb ungerührt. Der Hochzeittag kam, die Gäste vergnügten sich, der Bräutigam war glücklich, nur die Braut versteckte ihre Tränen unter dem Schleier. Inmitten des Hochzeitfestes verschwand sie, und niemand hat sie mehr gesehen.

Nach kurzer Zeit verbreitete sich das Gerücht, bei Mondlicht würde eine weiße, weibliche Figur aus dem Teich auftauchen und traurig singen. Wer ihr Lied hört, fände nie mehr Ruhe.

Die Zeit verging, und die Leute hatten das Liebespaar schon fast vergessen, da erschien eines Tages im Dorf der junge Müller wieder. Sein Wehrdienst war endlich zu Ende, und er suchte seine Liebste. Er ging durch das Dorf, kam nach Hause, aber dann zog er zum Teich im Walde. Als er sich über den Wasserspiegel neigte, sah er das Bild des weißen Mädchens. „Ich warte hier auf dich, so wir es uns einst versprochen hatten.“ Er erinnerte sich an das Versprechen und sah, dass seine Geliebte eher den Tod gewählt hatte, als mit einem anderen Mann zu leben.

Der junge Müller entschloss sich, in den Wald zu ziehen. Er baute hier eine neue Mühle, wo er seiner Liebe nah sein konnte. Er lebte fortan allein und verschmähte das Interesse der Dorfmädchen.

Einmal kamen Hohensteiner Bauern mit Getreide zu seiner Mühle, doch der Müller war nicht zu finden. Nur im Farn, wo das Teichwasser das Ufer berührt, erschien ein großer, grauer Stein. Die Leute erzählten, dies sei der Müller, endlich in den Armen seiner Liebe.

Quelle: Mrázková, D.: Krupské povesti, Krupka 2004

Also schön aufpassen! Oder weitergehen. Immer noch dem grünen Strich nach. Der Bach plätschert weiter zu unserer Linken.

Schließlich gabelt sich der Weg. Der grüne Strich führt hier nach rechts aufwärts weiter. Wir aber halten uns, jetzt unmarkiert, links und weiter abwärts. Bei Zweifeln: immer im Groben dem Bachlauf folgen.

Alsbald geht nach links eine breiter Weg ab, der bergan führt. Und der mit einem blauen Strich markiert ist. Wir merken uns diese Kreuzung und folgen dem blauen Strich aufwärts.

  Hier geht es hoch

Nach rund 200 Metern Aufstieg sehen wir am Fels diesen Hinweis:

  Fast am Ziel

Ja, wir sind jetzt an den Ruinen der Geiersburg (Kyšperk) angekommen. Selbige Burg wurde schon im 16. Jahrhundert aufgegeben und darf seitdem stilvoll verfallen. Ehrlich, es ist eine Ruine wie aus dem Buch der Ruinen. Herrlich, hier herumzuturnen. Zumal keine Absperrungen oder Verbotstafeln das Erlebnis schmälern. Es folgt jetzt also eine wahrhaft ruinöse Bildergalerie:

Nachdem wir uns also an den alten Mauern und Kellern satt gesehen haben, kehren wir zu der Kreuzung zurück, die wir uns vorhin gemerkt hatten. Und folgen jetzt dem blauen Strich nach links. Es geht, immer noch am Bach entlang, bis an den Waldrand oberhalb von Graupen (Krupka). Dort wendet sich der Weg samt Strich nach rechts. Vorbei an bizarren Bäumen und herrschaftlichen Sommerhäusern wandern wir am Stadtrand entlang.

Der Weg endet an einer Straßenkreuzung im Ortsteil Mariaschein (Bohosudov). Nach rechts könnten wir jetzt direkt zum Sessellift gehen. Doch hier gibt es auch noch so allerlei zu entdecken, und so gehen wir erst mal geradeaus. Schon nach wenigen Metern kommen wir so zu einem Kalvarienhügel. Der Kreuzweg Jesus wird hier auf Relieftafeln dargestellt. Und während die steinernen Stelen schon etwas windschief sind, sind die Reliefs in einem sehr guten Zustand.

Ganz oben auf dem Hügel finden wir dann noch eine größere Figurengruppe. Von hier hat man auch eine nette Aussicht auf Mariaschein.

Wir gehen zurück zur Straßenkreuzung und dann nach rechts, talwärts. Und erblicken sogleich einen interessanten Friedhof. Hier werden in hunderten Nischen die Urnen der Verstorbenen samt deren Fotografien hinter Glas aufbewahrt. Sehr ungewöhnlich.

Wir verlassen sodann den Gottesacker und gehen weiter talwärts. Und finden uns auf dem zentralen Platz von Mariaschein wieder. Der wird dominiert von der riesigen Wallfahrtskirche „Basilika der Schmerzhaften Mutter Gottes“.

Richtig gelesen, Mariaschein war einst ein Wallfahrtsort von europäischer Bedeutung. Auch hier gibt es eine Legende:

Vor 600 Jahren plünderten und brandschatzen die Hussiten in Böhmen. Und so begab es sich zu dieser Zeit, dass die Hussiten nicht weit von hier das Kloster Schwaz abbrannten und die Nonnen in die Wälder vertrieben. Die Frauen hatten nichts mitnehmen können außer einer Marien-Statue aus Holz. Eine nach der anderen verhungerten sie in den großen, wilden Wäldern. Die letzte versteckte noch die Marienstatue in einer hohlen Linde, damit sie den Ungläubigen nicht in die Hände fallen solle. Dort lag sie sehr, sehr lange. Einmal dann mähte eine junge Magd in der Nähe Gras, als sich plötzlich eine Schlange um ihren Arm wand. Das Mädchen schrie erschrocken auf und rannte zur Linde. Dort erstrahlte auf einmal die Statue der Jungfrau Maria, und die Schlange verschwand. Die frommen Dörfler errichteten hier eine Kapelle, die sich irgendwann zu einem Wallfahrtsort entwickelte mit Pilgern aus weitem Umkreis.

Nach 1945 kamen die Wallfahrten zum Erliegen, heute finden sie in bescheidenem Umfang wieder statt. Die Kirche stammt aus dem Jahre 1706 und ist leider arg sanierungsbedürftig. Trotzdem lohnt sich ein Besuch, vor allem, weil die ganze Anlage von einem wunderbaren Kreuzgang umgeben ist. Den gehen wir im Uhrzeigersinn, denn die Fresken (mehr oder weniger noch erkennbar) erzählen hier die Geschichte des Wallfahrtsortes samt des einen oder anderen Wunders, das sich ereignet haben soll.

Auch der berühmte “Prager Fenstersturz” ist hier verewigt:

Am eigentlichen Kirchportal belehrt dann eine Aushang über die Öffnungszeiten:

Das Portal war verschlossen. Und die angegebene Telefonnummer wollten wir nicht anrufen, um dem Pfarrer seine Mittagsruhe zu gönnen.

Wir gehen also die ganze Strecke zurück – jetzt aufwärts – und kommen zur Talstation des Sessellifts.

  Hier geht es aufwärts

Erklärbär an:

Der Lift ist schon seit 1954 in Betrieb. Und er ist der letzte in Europa, der nach der originalen Konstruktion der Schweizer Firma “von Roll” funktioniert. Vordem waren die Gondeln fest mit dem Seil verbunden. Zum Ein- und Aussteigen musste man also entweder springen, oder das ganze Seil mit allen anderen Gondeln musste angehalten werden. Nach dem “von Roll Patent” waren die Gondeln jetzt mit einer Art Schwerkraftkupplung am Seil befestigt. An den Stationen konnten sie so vom Seil abgekoppelt werden.  Man konnte jetzt also eine einzelne Gondel anhalten, ohne das ganze Seil stoppen zu müssen. Wir fahren also mit einem technischen Denkmal.

Erklärbär aus.

Die Strecke ist rund 2,3 Kilometer lang. Die Fahrt dauert dann etwa eine Viertelstunde, es geht knapp 500 Höhenmeter aufwärts. Der Lift fährt immer zur halben Stunde, die einfache Fahrt kostet 5,50 Euro. Da haben die Preise knackig angezogen, bei meinem letzten Besuch vor fünf Jahren bin ich noch für 3,10 Euro mitgefahren.

Obacht: auf dem Lift friert man sich an kühleren Tagen schnell den Arm ab. Also etwas warmes in den Rucksack packen. Ansonsten macht es aber richtig Spaß.

  Höhenmeter leicht gemacht

Oben angekommen stehen wir dann direkt vor dem Mückentürmchen (Komáří vížka). Das war mal ein Glockenturm, der den Bergleuten den Schichtbeginn anzeigte. Aber schon seit 1857 ist es ein Gasthaus. Wir sollten einkehren, denn obwohl touristisch sehr bekannt und obendrein per Auto zu erreichen, sind die Preise hier günstig und das Essen bodenständig. Und der Ausblick ins Böhmische Becken ist wie erwartet großartig.

Wohl gestärkt gehen wir jetzt die Straße vom Mückentürmchen abwärts. Links steht da die St.-Wolfgangs-Kapelle samt wenig gepflegtem Friedhof. Mit etwas Glück hat die auch geöffnet, wir fanden sie verschlossen vor.

An der Kreuzung halten wir uns dann rechts und müssen einen knappen Kilometer am Rande der Fahrstraße laufen.

  Zurück am Straßenrand

So erreichen wir wieder Voitsdorf und durchqueren den Ort – Bonjour tristesse.

Für den Rest der Strecke ist dann der Rückweg identisch mit dem Hinweg.

Fazit: 21,8 Kilometer. Davon 2,3 Kilometer mit dem Lift, bleiben 19,5 Kilometer per pedes. Von den knackigen 820 Höhenmetern im Aufstieg nimmt uns der Lift fast 500 ab. Was die ganze Sache sehr entspannt macht. Dazu viele kleine und große Höhepunkte am Wegesrand. Ich komme bestimmt wieder.

Zum Nachwandern:

Schamlose Bettelei zum Schluss:

Klickt doch wieder auf die Werbung oben rechts. Nur klicken, nichts kaufen. Dann kann ich mir auch demnächst noch eine Knoblauchsuppe leisten. Besten Dank.

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