Wie weiter mit dem Parkplatzchaos?

Am Osterwochenende war wieder mal Polen offen in der Sächsischen Schweiz. Zu viele PKW, zu wenige Parkplätze. Es wurde wild geparkt und eifrig abkassiert. Und nach dem neuen Bußgeldkatalog ist man für kreative Parkplatzfindung schnell mal mit 55 Euro dabei. Das schmerzt. Ich mag gar nicht daran denken, wie es wohl über Pfingsten, Himmelfahrt oder in den Sommerferien aussehen wird. Ich habe mir also mal ein paar Gedanken gemacht. Aber auch keine vernünftige Lösung gefunden.

Zunächst eine Vorbemerkung: vor rund einem Jahr hat mich der TÜV schnöde von meinem Auto getrennt. Sauerei, das war doch gerade mal 22 Jahre alt! Seitdem fahre ich mit den öffentlichen in den Sandstein und bilde mir deshalb ein, aus Erfahrung berichten zu können.

Jetzt also Punkt eins: Abkassieren ist keine Lösung. Im Gegenteil, es versaut im Nachgang die positiven Eindrücke, die viele Touristen von unserer Region haben sollten. Schon jetzt lese ich diversen sozialen Medien verstärkt Klagen über Parkplatzchaos oder hohe Parkgebühren sowie fehlende und überteuerte Einkehrmöglichkeiten. Mag der eine oder andere sagen: die kommen so oder so. Stimmt aber nicht, schnell kann so eine Stimmungslage kippen und dann hat es sich. Und auch, wenn es der eine oder andere ob seines bevorzugt stillen Naturgenusses gern sehen würde: ohne Touristen droht der Region bei aller Schönheit die Verödung. Also vielleicht mit Augenmaß und nur dann abkassieren, wenn es wirklich übel wird (also z.B. ein Rettungsweg versperrt ist).

Punkt zwei: der ÖPNV funktioniert dort recht gut, wo Start und Ziel der Wanderung an den S-Bahn-Haltepunkten liegen. Die Hinreise kann man ausgezeichnet planen, die Banen sind in den meisten Fällen pünktlich. Die Rückreise wird etwas schwieriger, denn weiß doch der Geier, wie lange ich für meine Tour brauche und ob ich nicht noch ein paar spontane Abstecher einlege. Doch selbst dann wartet man auf die nächste S-Bahn höchstens eine halbe Stunde, das ist zu verkraften. Leider vergeht aber auch keine Saison, ohne das irgendwo auf der Strecke jemand in der Erde wühlt und Schienenersatzverkehr angesagt ist. Und der kann nerven.

Punkt drei: will ich in etwas abgelegenere Gebiete (Hohnstein, Hinterhermsdorf, Bielatal…), dann muss ich auf den Bus umsteigen. Und da schleift es beträchtlich. Auch hier ist der Hinweg gut planbar, obgleich die Busse ein Vielfaches der Zeit brauchen, die ein PKW benötigen würde. Für die Rückreise wird es dann knifflig. Oft verkehren die Busse nur aller 60 Minuten oder noch seltener. Und es macht eben keinen Spaß, mit der Uhr ständig vor Augen durch den Wald zu stapfen, den letzten Kilometer im getreckten Laufschritt zurückzulegen oder im dümmsten Fall eine Stunde lang ein Haltestellenschild in der Pampa anzustarren.

Punkt vier: der ÖPNV ist zu teuer. Schon, wenn das Auto nur mit drei Mann belegt ist, fährt man (Benzin und Parkgebühren eingerechnet), billiger als mit den Öffis. Ganz zu schweigen von der viel größeren Flexibilität und der Tatsache, dass ich mir im Auto keinen Lappen vor die Visage hängen muss. Hier bin ich auf das angekündigte Neun-Euro-Ticket gespannt. Preislich ist das absolut unschlagbar. Kann aber auch nach hinten losgehen. Denn wenn Dank dieses Tickets Busse und Bahnen drei Monate lang hoffnungslos überfüllt sind, wenn man vielleicht sogar an der Haltstelle wegen Überfüllung stehen gelassen wird, dann freut man sich im Nachgang umso mehr wieder auf das eigene Auto.

  Eine Fake-Montage. Aber nicht unrealistisch.

Punkt fünf: es gibt einige zarte Pflänzchen, die den ÖPNV attraktiver machen sollen. Zu aller erst sei hier die Gästekarte genannt, die ja in vielen Orten die Benutzung der Öffis ohne Zusatzkosten beinhaltet. Mit der erreicht man aber keine Tagesgäste.

In der Sächsischen Zeitung vom 26.04.2020 wurden drei weitere Ideen vorgestellt, die ich hier mal einzeln kommentiere:

  1. Dynamisches Leitsystem: beginnend auf der Autobahn und in Richtung der Zielparkplätze immer detaillierter werdend soll die aktuelle Parkplatzsituation angezeigt werden. Für Bad Schandau stellt man sich das etwa so vor: „Parkplätze Kirnitzschtal belegt, Nationalparkbahnhof 85 Plätze frei, Busshuttle alle 15 Minuten“. Hübsch, aber gerade die angezeigten 15 Minuten sind noch weit weg. Siehe Punkt drei. Obendrein technisch eine Herausforderung. Viele Parkplätze liegen eben so, dass noch nicht einmal ein Funknetz für Echtzeitübermittlung der Daten anliegt. Trotzdem: könnte sinnvoll sein.
  2. Ausbau des Nationalparkbahnhofs: hier soll ein Parkhaus mit einer Kapazität von 400 PKW entstehen. Hmm, derzeit fasst der Parkplatz rund 100 Autos und ist selten voll belegt. Und das, obwohl er kostenlos ist. So ein Parkhaus würde also nur funktionieren, wenn zum einen eng getaktete Busse abfahren und es zum anderen kostenlos zu nutzen wäre. Vor allem letzteres sehe ich hier nicht als realistisch.
  3. Verlängerung der Kirnitzschtalbahn: in die eine Richtung über die Elbe bis zum Bahnhof Bad Schandau, in die andere Richtung bis zur Neumannmühle. Aufteilung des Fahrbetriebes in Fahrten für Wanderer in modernen Wagen und zügiger Fahrweise und Fahrten für Nostalgiker in den historischen Wagen im Zuckeltrab. Aus meiner Sicht komplett unrealistisch. Denn erstens kostet das richtig Geld, und zweitens würde die Bauarbeiten direkt durch den Nationalpark führen. Und da findet sich dann ganz sicher irgend eine Sumpfschnerpelschnepfe oder ein verknoteter Stengelfuß, deren Lebensraum bedroht sein könnte und die den ganzen Bau zum Erliegen bringen.

Punkt sechs: vielleicht auch mal nach kreativen Möglichkeiten suchen. Vorbildlich ist hier Hinterhermsdorf: wenn an der Buchenparkhalle ob der vielen Ausflügler zur Bootsfahrt Überfüllung droht, wird eine benachbarte Wiese spontan als provisorischer Parkplatz geöffnet. So etwas ist sicher auch an anderer Stelle möglich. Zugegeben: im Kirnitzschtal eher schwierig. Aber auch da gab es schon Ideen: beispielsweise das Areal um die ruinöse Haidemühle in einen Parkplatz zu verwandeln. Aus „Naturschutzgründen“ (bei einer eh versiegelten Fläche?) abgelehnt. Oder die, ebenfalls ruinösen, Gebäude am Beuthenfall abreißen und Parkflächen schaffen. Irgendwie hört man auch davon seit Jahren nichts mehr.

Punkt sieben: keine Parkplätze mehr als Holzlagerplatz monatelang missbrauchen. Vor allem an Sturmbauers Eck und am Hockstein passiert das immer wieder.

Punkt acht, für Autofahrer: nicht unbedingt auf dem Wunschparkplatz bestehen. Ein paar Kilometer weiter findet sich oft noch ein Plätzchen. Man muss die Touren dann halt flexibel planen. Außerdem: antizyklisch wandern. Jetzt ist es wieder lange hell, da kann man auch mal am Nachmittag kommen, wenn die ersten schon wieder weg sind.

Fazit: es gibt viele Ideen, kurzfristig wird aber nicht viel gehen. Fleißiges Schreiben teurer Knöllchen und eine stetige Erhöhung der Parkgebühren wird aber gar nichts ändern. Und Luftschlösser wie eine Verlängerung der Kirnitzschtalbahn sollte man nicht als der Weisheit letzten Schluss verkaufen. Kurzfristig sind kreative Ideen gefragt. Also vielleicht wirklich mal eine Wiese als Parkplatz anmieten und einen eng getakteten Shuttle-Service ins Kirnitzschtal ausprobieren. Aber dafür muss man zunächst mal wollen. Und diesen Willen sehe ich zumindest bei der Nationalparkverwaltung nicht.

Und zum Schluss noch zwei Bitten: diskutiert doch bitte über dieses recht komplexe Thema ausführlich in den Kommentaren. Und klickt bei Gelegenheit mal wieder auf die Werbung ganz oben rechts. Nur klicken, nix kaufen! Damit ich mir auch in Zukunft die Bockwurst leisten kann.

Nachtrag zur Gästekarte:

Selbige gibt es, inklusive der Freifahrt in den Öffis, in:

Bad Schandau
Gohrisch
Hohnstein
Königstein
Pirna
Rathmannsdorf
Reinhardtsdorf-Schöna
Sebnitz

Ohne die Fahrkartenfunktion ist die Karte in:

Bad Gottleuba-Berggießhübel
Kurort Rathen
Lohmen
Wehlen
Rosenthal-Bielatal
Struppen

Hier sei mir die Frage gestattet: warum eigentlich nicht? Wenn schon so eine wirklich sinnvolle Aktion an örtlichen Befindlichkeiten scheitert, wie soll da je der große Wurf in Sachen Verkehr gelingen.

Späßchen am Rande: bei der Kontrolle der Karte wird zusätzlich ein „Lichtbildausweis“ verlangt. „Lichtbild“ nannte vielleicht der berühmte Hermann Krone seine um 1850 entstandenen Bilder der Sächsischen Schweiz. Alle andere nennen das „Foto“ oder „Passbild“. Außer den deutschen Behörden.

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6 Gedanken zu „Wie weiter mit dem Parkplatzchaos?

  1. Hallo, ergänzend zum Text fehlen mir bei immer höher werdenden Parkgebühren folgende Dinge:
    – Toiletten an den größeren Wanderparkplätzen
    – Mülleimer an jedem Parkplatz
    – Mülleimer an größeren Wanderwegkreuzungen, Bsp. Schranmtor
    Die NPV darf da ruhig mal über den Tellerrand schauen. Touristen kann man nicht verbieten nur leiten.
    Zum Thema Parken, wer sich über Knöllchen beschwert parkt verkehrt. Nur weil innerstädtisch zuwenig kontrolliert wird muss man sich nicht im NP überall hinstellen. Thema Rettungswege, hier fände ich konsequentes Abschleppen sinnvoll.

  2. Ich bin am letzten März-Wochenende seit langer Zeit mal wieder mit der S-Bahn gen Krippen gefahren. Bereits in Trachau war der Zug sehr voll, ab Bhf. Neustadt ging’s für zahlreiche Fahrtgäste nur noch im Stehen bis Bad Schandau. Und das war der Zug vor 9 Uhr.
    Auf der Rückfahrt bekamen wir in Krippen gerade noch Sitzplätze, ansonsten standen zahlreiche Wanderer ab spätestens Königstein bis Dresden. Gut, man könnte die S-Bahn an Schönwettertagen enger takten, aber für mich ist das keine Alternative! Und ehrlich, der PKW lohnt sich rechnerisch schon ab 2 Personen.
    Ich bin für’s Abkassieren, daß technische Verunmöglichen von wilden Parken an Engstellen, der Sperrung des Kirnitzschtales für den Autoverkehr und das Ausweisen von Parkplätzen wo es möglich ist. Wenn dadurch weniger Autotouristen kommen, herzlich gern. Der Region hat auch auch “Rechts”-wählen entgegen aller Unkenrufe nicht geschadet, da werden das rigorose Parkbedingungen auch nicht.
    Schreibt ein Autofahrer, der Parkgebühren hasst.

  3. Wie im südamerikanischen Raum oder auch in Asien könnte man einen Sammelverkehr einführen für einen schmalen Taler.
    Von den Bahhöfen Königstein, Bad Schandau und andere… Einfach Collectivos bereitstellen. 6-9 Sitzer – wenn die Hütte voll ist – wird los gefahren.
    Genauso verkehrt der Sammelverkehr in den Nachmittagsstunden wieder zurück im Pendelverkehr.

  4. Das Park-Ticket könnte gleichzeitig als Tageskarte im ÖPNV gelten. So könnten die Leute animiert werden, die letzte Meile mit dem Bus oder der Kirnitzschtalbahn zurücklegen. Auch werden Touren die nicht den selben Start- und Zielpunkt haben attraktiver. (Vom Kirnitzschtal nach Schmilka zB)

    1. Die letzte Idee (Parkticket = Bus/Bahnticket) find ich richtig gut!
      Dann wäre auch der etwas entferntere Parkplatz kein Problem 🙂

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