Zweimal Bielhorn, einmal Elisalex

Die Aussicht vom Bielhorn auf Herrnskretschen (Hřensko) war mir bisher eher wage bekannt. Genauer: ich hatte, im Herrnskretschener Biergarten sitzend, schon mal eine Art ummauerten Aussichtspunkt am Fels erblickt, ihn aber nicht einordnen können. Jetzt sind einige Veröffentlichungen zu dieser Aussicht erschienen, so etwa im Heimatbuchverlag oder auch auf Ingo Geiers Homepage. Also auf, erkunden wir das Ganze mal, und bauen es noch nach Möglichkeit in eine nette Tour ein.

DSCN9782 Aussicht vom Bielhorn

Sinnigerweise sollten wir die Tour in Herrnskretschen beginnen. Auch wenn ich selbst woanders gestartet bin und den Ort auf “anderen” Wegen erreicht habe. Läuft man im Ort in Richtung Klammen und Prebischtor, und zwar nicht auf der Straße mit den vielen vietnamesischen Händlern, sondern auf der parallel dazu verlaufenden solchen, dann kommt man an der Pension und Kneipe “Falk” vorbei. Und genau dort beginnt ein befestigter Weg, der schräg nach oben führt. Dabei sehen wir unter uns ein pittoreskes Gebäude, welches einst das Gaswerk von Herrnskretschen war und heute als Ferienhaus vermietet wird. (Warum hab ich das eigentlich nicht fotografiert?)

Hornkarte Quelle: Open Street Map

Noch ein Stück weiter dem Weg nach oben gefolgt, dann wird es zur Linken interessant: wir entdecken, völlig zugewuchert, die Reste eine Friedhofs. Nun mag es ja sein, dass es eigentlich nicht gut ist, Gräber so verkommen zu lassen. Andererseits muss man sagen: so ein uralter und seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegter Gottesacker hat auch etwas romantisches. Zumal hier auch noch eine Grabkapelle steht, die richtig gut aussieht.

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Links am Friedhof führt ein kleiner Pfad vorbei, der uns auf eine stinknormale Autostraße bringt. Die gehen wir jetzt rund 100 Meter nach links, und siehe da: da ist sie, die Aussicht, die ich einst vom Biergarten aus gesehen hatte. Mit festem Mauerwerk und den Resten eines Denkmals.

DSCN9781 Aussicht Nummer eins

Und hier steht dann auch eine “Erklärbär-Tafel”, die dreisprachig (!) darüber aufklärt dass:

  1. Es sich hier um das “untere Bielhorn” handelt,
  2. Das Denkmal einst den Gefallenen des ersten Weltkrieges gewidmet war,
  3. Die soeben gesichtete Grabkapelle einst einer wohlhabenden Familie aus Herrnskretschen gehörte.

Solcherart gebildet, gehen wir auf der Straße zurück. Direkt gegenüber jener Stelle, an der wir sie vom Friedhof kommend betraten, geht der Weg jetzt weiter. Im Zickzack auf den Berg hinauf. Er ist nicht zu übersehen, denn sein gewaltiges Metallgeländer könnte wohl auch einen T-34 aufhalten.

DSCN9783 Gewaltiges Geländer

Oben angekommen erwartet uns dann die zweite Bielhorn-Aussicht. Sogar mit einer Bank und wieder mit Blick auf Herrnskretschen.

DSCN9785DSCN9786 Aussicht Nummer zwei

Jetzt nur ganz wenige Meter den Weg zurück, dann gabelt sich derselbe. Wir gehen links. Anfangs noch ein Pfad, wird der zunehmend breiter. Zunächst rechts, dann links im Wald ducken sich alte Bunker der “Schöberlinie”, die man hier noch sehr oft findet. Wer will, kann ja mal reinschauen. Aber bitte nicht Krieg spielen!

DSCN9787 Ich sitz in meinem Bonker….

Schließlich erreichen wir den Ort Jonsdorf (Janov). Ein wunderbares Dorf, viele prächtig herausgeputzte Häuser, mehrere Gastwirtschaften. Dazu Kunst am Zaun in Form von Kaffeetassen und Kunst am Teich in Form eines Holzmonsters.

DSCN9792DSCN9793 Das Monster ist unten!

An der einzigen größeren Kreuzung des Ortes steht dann ein Wegweiser, der uns ab jetzt mit einem gelben Strich zurück nach Herrnskretschen führt. Schon auf den ersten Metern dieses Weges, noch übers freie Feld, gibt es herrliche Aussichten zum Rosenberg oder zur Silberwand.

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Links die Silberwand, rechts der Rosenberg

Ab jetzt einfach dem gelben Strich folgen. Der Weg wechselt dabei seinen Charakter ziemlich oft. Zeitweise ist er ein breiter, sogar mit Betonplatten ausgelegter Forstweg, dann wird er wieder zu einem schmalen Pfad. Welcher schließlich, nach einem kurzen Abstieg, zur letzten Aussicht der Tour führt: zum Elisalexfelsen. Auch hier hat man wieder einen schönen Blick über Herrnskretschen.

DSCN9800 Aussicht Nummer drei

Von hier geht dann der Pfad weiter ins Tal, auf den letzten Metern über eine fürchterlich wurmstichige Treppe (bei mehr als 90 Kilo Lebendgewicht: schön am Rand halten und das Geländer immer anfassen – ein paar Stufen sind schon weggegammelt), um letztendlich wieder auf der Hauptstraße in Herrnskretschen zu landen.

Fazit: das waren rund zehn Kilometer einer sehr entspannten Tour. Nur ein wenig weg vom großen Gewimmel rund um Klammen, Prebischtor und Vietnamesenmarkt, und trotzdem ganz still und ruhig. Drei schöne Aussichten, ein verwunschener Friedhof, ein Dorf wie aus dem Buch über schöne Dörfer. Was will man mehr.

Update, 27.6.2015:

Zu dem Text um den alten Friedhof erreichte mich eine nette Leserzuschrift, die ich hier gern veröffentliche:

Der in einem bewaldeten Tal oberhalb des Dorfes gelegene Herrnskretschner Friedhof war vom Ort aus nicht einsehbar und bot sich deshalb nach 1945 Grabräubern geradezu an. Als erstes hat man wohl die großen Erbbegräbnisse aufgebrochen und die in ihnen bestatteten Toten gefleddert. In Rosendorf, dessen katholische Kirche viele Jahre lang ruinös war, ist der erhöht gelegene und durch die Friedhofsmauer blickgeschützte Friedhof ebenfalls ausgeraubt worden. Dagegen blieben die offener gelegenen Friedhöfe in Arnsdorf (an der Kirche) und Jonsdorf allem Anschein nach unbehelligt.

Die von Ihnen abgebildete Grabkapelle war das Erbbegräbnis, das der Holzhändler und Industrielle Ignaz CLAR (* 1829, + 1905) für sich und seine Nachkommen erbauen ließ. Ignaz CLAR war von 1889 bis 1892 deutschliberaler Abgeordneter im böhmischen Landtag und Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde.

Sein ältester Sohn Dipl.-Ing. Otto CLAR, * 1855 Herrnskretschen, + nach 1941 Bonn, war von 1899 bis 1912 Direktor der chemischen Werke „Rhenania“ in Stolberg bei Aachen. Der Sohn Carl CLAR, * 1858 Herrnskretschen, + 1937 ebenda, führte die Holzgroßhandlung weiter und betrieb nach 1918 in dem schräg gegenüber gelegenen Ort Niedergrund eine Fabrik für Radiolautsprecher.

Bei meinem Besuch im Jahre 1993 war die Deckelplatte des Erbbegräbnisses zu etwa einem Drittel geöffnet, die Gruft war leer.

Freundliche Grüße vom Niederrhein,

Günther Böhm

4 Gedanken zu „Zweimal Bielhorn, einmal Elisalex

  1. Sehr geehrte Familie Clar,

    ich bin eine Urenkelin von Johann Stüdl u beschäftige mich seit vielen Jahren mir seiner Geschichte, habe auch die o.a. Homepage erstellt. Nun bin ich in den Besitz von Briefen seiner Tochter Olga Stüdl an ihre Schwester Ismene Reinitzer, geb. Stüdl gelangt. Darin findet sich ein Bericht über den Besuch von einem Freund aus Jugendtagen, Carl Clar aus Herrnskretschen bei Olga St. in ihrer Pension in Liboch/Elbe zu Beginn des Jahres 1928. Hier die entsprechende Textabschrift:

    … „Weisst Du, wer 4 Tage hier war? Carl Clar – Herrnskretschen! Er hatte einen (2 Söhne fielen) seiner 4 Söhne in eine Alkoholentziehungsanstalt auf ein ½ Jahr untergebracht
    u suchte irgendwen zum Reden u Schweifen in alten sonni=
    gen Erinnerungen besserer, jugendlicher, froherer Zeit. Er sagte:
    „Ich könnte mal zu Olga Stüdl fahren“ u seine Frau sagte:
    „ genau dasselbe habe ich mir gerade gedacht!“ u so kam
    er. Der Sohn hatte das Trinken im Kriege gelernt. 2 Söhne sind verheitatet, einer im Geschäft in Herrnskretschen hat ein
    3 Mon. alt. Töchterchen, das Großmama u. a. a. entzückt. 1 Sohn in
    Leipzig oder Dresden ist hervorragend in wissenschaftlicher Cemie
    thätig. Erfindet dies u das, besonders in Indanthren=
    farben u eine Schweizer Firma bietet alles mögliche für
    die raktische Verwerthun seiner Ideen u er sat:“ Ich hab ihnen
    das beste ja noch gar nicht gegeben!“ Seine Frau ist dick
    u schwerhörig geworden, um das Gegenmittel der Arbeit
    nicht zu entbehren u „laut“ sprechen zu können, hat
    das Ehepaar keinen Dienstboten, sie haben 2 Zimer u an=
    schließend die Küche behalten, die Sorge für Pflege des Hauses über nahm das junge Ehepaar im Haus. Ich freute mich, die vielen
    alten Erinnerungen waren mir lieb, er ist gesprächig, wie er
    es immer war, aber besser als einst. Jetzt komt er bald mit seiner
    Frau wieder. Es war bloss „eine Entdeckungsreise“. Er ist die einzige
    Radiofabrik in Niedergrund (nebenbei) geworden, die ein wertvolles Produkt (in Compagnie mit Mende in Dresden, liefert).
    Ich darf meinen Apparat ihm zum richten schicken,
    ich bin sehr froh! Ich bin schon lange ohne Betrieb, weil es
    mir zu theuer kam! Wie weit – wie weit ist das alles!“ …

    Die Abschrift erfolgte ohne Korrekturen, wobei vor allem viele Satzzeichen fehlen. „mm“ wurde häufig als „m“ mit einem „Überstrich“ geschrieben. Diese Überstriche sind beim Einfügen in Ihr Kommentarfeld verloren gegangen.

    Aus einer anderen Stelle dieses Briefes leite ich die Vermutung ab, dass sich die Familien in Berchtesgaden (Südbayern) kennengelernt haben.

    Mein „Kommentar“ ist ein bißchen lang geraten, doch dachte ich, dass Ihnen dieser „Ausflug“ in die Geschichte Ihrer Familie vielleicht Spass machen würde.

    Sollte es in den Unterlagen Ihrer Ahnen irgendwelche Hinweise auf Kontakte zuden Familien, Stüdl oder Reinitzer geben, so würde ich mich über eine entsprechende Mitteilung natürlich sehr freuen!

    Mit freundlichen Grüßen
    Friedl Klein
    Nesselthalergasse 15 B/5, 5020 Salzburg

    1. Sehr geehrte Frau Klein, sehr geehrter Herr Noack,
      ich bin zwar selbst Alpinist (mein väterlicher Großvater war in der DuÖAV-Sektion Reichenberg aktiv), kann aber leider kein Hintergrundwissen zu den Alpinisten der CLAR-Familie beitragen. Auch möchte ich keine Familieninterna im Forum ausbreiten. Deshalb bitte ich Herrn Noack als Eigentümer dieser Seite, mir die E-Mail-Adresse von Frau Klein oder ihr die meine zukommen zu lassen.

      Mit freundlichen Grüßen und „Berg Heil“,
      Günther Böhm

  2. Noch einige Sätze zur „Aussicht Nummer drei“:
    Der Elisalexfelsen war quasi der Hausberg hinter der Villa meines Urgroßvaters Emil RICHTER, in der heute die Gemeindeverwaltung von Herrnskretschen residiert und dem man von der Aussichtsplattform quasi auf den Balkon und in die Schornsteine spucken kann. Deshalb habe ich mich etwas für seine Namensgebung interessiert. Elisalex war die Kurzform der Vornamen von Fürstin Elisabeth Alexandrine Marie Therese von CLARY und ALDRINGEN, geb. Gräfin v. FICQUELMONT, der Ehefrau des Fürsten Edmund, nach dem bekanntlich die Edmundsklamm benannt ist. Fürstin Elisalex hatte in den frühen Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Idee, auf diesem Felsen eine Sommerresidenz zu errichten, zu der sie von dem jungen Wiener Architekten Friedrich August (v.)STACHE und dessen Onkel und Partner Heinrich (Frh.v.)FERSTEL einen Entwurf anfertigen ließ. Von dem englischen Maler und Architekten Charles James RICHARDSON ließ sie sich einen Alternativentwurf am Elbufer, unmittelbar südlich des Felsens, ausarbeiten. Nach den kostspieligen Niederlagen der k.u.k. Monarchie gegen Italien und Preußen und der verfehlten Reichseinigung wurde das Projekt, das dem beginnenden Tourismus sicher sehr genützt hätte, schließlich aufgegeben.

    Freundliche Grüße,
    Günther Böhm

  3. Meine Mutter Elisabeth Kundt ist eine geborene Clar aus der Holzhändlerfamilie Clar in Herrnskretschen, der auch die sogenannten 3 Clar’schen Villen an der Straße von Herrnskretschen nach Tetschen-Bodenbach gehörten. Ich habe habe ein altes Bild von diesen Villen sowie ein Bild von einem Floss mit einem meiner Vorfahren auf der Elbe aus ihrem Besitz sowie irgendwelche Unterlagen über ehemalige Besitzungen in Niedergrund, die ich nicht verstehe ( Steuersachen ) Nach dem Krieg mußte sie Herrnskretschen verlassen und kam über Dresden nach Berlin. Ihr Bruder Alfred Clar, also mein Onkel hat es nach dem Krieg in den Raum Augsburg verschlagen. Auch von ihm habe ich einige wenige Bilder aus dem Nachlass meiner Mutter. Leider weiss ich fast nichts aus meiner Familie mütterlichseits, da sie ungern bzw. fast nie über diese Zeit gesprochen hat.

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