Eine Ruine, ein Turm voller Mücken, ein Sessellift

Teil zwei der beliebten Reihe: “Flucht ins Erzgebirge”. Da ich ja über Ostern den Elbsandstein meiden wollte, ging es auch heute wieder ins Erzgebirge. Das sattsam bekannte “Mückentürmchen” (Komáří hůrka) sollte angesteuert werden. Kalter Kaffee, schon ein Dutzend Mal dort gewesen? Mag sein, aber uns ist heute eine Runde gelungen, die doch so einiges an Neuem zu bieten hatte. Mir nach!

DSCN0225 Windgebeuteltes Gewächs auf dem Kamm des Erzgebirges

Start ist im Erzgebirgsdorf Fürstenau. Ich kann es nicht beschwören, aber mir war so, als hätte ich bei unserer Ankunft dort einen Fuchs beobachtet, der gerade einem Hasen “Gute Nacht” sagte. Ehrlich, hier ist die Welt zu Ende. Aber immerhin sehen die alten Bauernhöfe schön aus, und es gab sogar so eine Art “Kunst am Wegesrand” zu bewundern.

DSCN0216 Was will uns der Künstler damit sagen?

Einen Parkplatz gibt es hier auch, und von dem aus folgen wir einfach der Dorfstraße weiter, die eh eine Sackgasse ist. Denn sie endet direkt an der Grenze, dahinter geht sie dann als Schotterweg weiter. An der Grenze steht auch ein kleiner Gedenkstein und eine der von mir so heißgeliebten “Erklärbär-Tafeln”, die etwas über die nach 1945 verschwundenen deutschen Siedlungen in Böhmen erzählt.

DSCN0217 Hier geht es über die Grenze

Angekommen in Tschechien, empfängt uns zunächst mal ein respektabler Müllhaufen am Wegesrand. Ob der eine symbolische Bedeutung hat? Keinen Schimmer, aber schön ist das wirklich nicht.

DSCN0218 Begrüßungskomitee

Weiter gerade aus, und wir erreichen den Ort Voitsdorf (Fojtovice). Das ist eine jener deutschen Siedlungen, die nach 1945 ganz verschwanden, oder, wie in diesem Fall, dem Niedergang geweiht waren. Zum Vergleich: bis 1945 gab es hier 163 Häuser und 820 Einwohner, heute leben noch 95 Einwohner in 14 Häusern. Der ganze Ort wird beherrscht von ein paar riesigen und heruntergekommenen Ställen, dazu meist vergammelte Häuser. Aber immerhin: seit 2006 gibt es eine „Gemeinschaft für Wiederaufbau des Dorfes Voitsdorf“ . Und erste Erfolge sind sichtbar: ein, zwei Häuser sehen schon wieder gut aus, und in der Ortsmitte findet sich ein Spielplatz. Trotzdem: vorherrschend ist der Verfall, also schnell weiter.

DSCN0219 Voitsdorf

Gleich an der ersten, und einzigen, Kreuzung im Ort halten wir uns links und gehen nur wenige Meter auf der abzweigenden Straße, die in Richtung Adolfsgrün (Adolfov) führt. Wirklich nur wenige Meter, dann biegt hier, rechts von den Resten eines früheren Kruzifixes, ein Feldweg ab. Vorbei an so einem der gammeligen Riesenställe führt der Weg übers Feld. Und kommt dabei einem der geliebten und die Landschaft zierenden Windkraftanlagen ziemlich nahe.

DSCN0220 Die Kuh am Propeller

Zu unserer Rechten sehen wir die ganze Zeit schon unser späteres Ziel: das Mückentürmchen.

DSCN0221 Da wollen wir noch hin

Gut, wir kommen an eine Kreuzung mit einem Wegweiser. Scharf rechts ginge es jetzt, übers Feld, direkt von hinten an das Mückentürmchen ran. Aber das wäre ja wohl etwas früh, weshalb wir auf einem asphaltierten Weg leicht rechts bleiben. Ab jetzt ist der mit einem blauen Strich markiert. Kleiner Einschub: die Markierung der Wege hier ist vorbildlich, und obendrein durchdacht. Denn wir müssen ab jetzt wirklich nur noch dem blauen Strich folgen, um ans Ziel zu gelangen. Und davon abgesehen: markiert wird hier, wo gerade Platz ist. An Bäumen, auf Steinen, manchmal auch ein wenig versteckt. Irgendwie sympathisch.

DSCN0224 Markierung zu ebener Erde

Irgendwann erreichen wir den Waldrand, und dort hört auch der Asphalt auf und wir sind endlich auf einem echten Waldweg. Welcher sogleich knackig in die Tiefe führt. Dies ist so eine Eigenart des Erzgebirges: es ist ein Bruchschollengebirge. Was bedeutet: von der einen Seite, also von Deutschland aus, steigt es ganz sanft an. Auf der anderen Seite, also nach Tschechien rein, fällt es dagegen richtig steil ab. Was auch für unseren Weg gilt. Trotzdem bleibt er ein breiter und einigermaßen bequemer Waldweg.

DSCN0226 Recht bequem

Nachdem wir so etliche Höhenmeter und auch rund drei Kilometer Strecke zurückgelegt haben, kommt ein echter Höhepunkt: wir stehen vor der Ruine der Burg Geiersburg (Kyšperk). Es ist ja eine alte Weisheit: eine Burg ist erst dann richtig schön, wenn sie eine Ruine ist. Diese hier ist eine der wirklich schönen solchen. Historisch betrachtet war sie wohl in den Jahren zwischen 1100 und 1400 von verschiedenen Herren bewohnt, seitdem darf sie romantisch verfallen.

DSCN0228 Geiersburg

Noch schöner: es gibt keine Zäune, keinen Einlass oder gar ein Eintrittsgeld. Alles ist frei zugänglich, man kann auf den Mauern herumklettern oder die alten Gewölbe erkunden. Was einen Heidenspaß macht.

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Da lacht das Herz

Die Reste einiger Lagerfeuer künden zudem davon, dass hier wohl auch gern mal in traumhafter Umgebung und ganz legal im Freien genächtigt wird.

Ich stelle mir gerade vor, wie die deutschen Behörden mit so einer Anlage umgehen würden. Zunächst würde sicher so eine Nase etwas von “Denkmalschutz” labern und das ganze Gelände unter Artenschutz stellen. Dann würde eine andere Nase die Worte “Wegesicherung” und “Gefahr” in den Mund nehmen und überall Absperrzäune aufstellen. Und schließlich würde Nase Nummer drei etwas von “Schäden durch den Menschen” verzapfen und alles absperren.

Statt dessen hier: Geschichte zum Anfassen. Sohnemann hatte nachher so viele Fragen zum Mittelalter, dass ich mich erst mal belesen musste. So geht Bildung!

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Erkundungen in der Tiefe

Na gut, wir gehen weiter. Immer noch führt der breite Waldweg – nicht vergessen: blauer Strich – knackig in die Tiefe, bis wir schließlich am Stadtrand von Graupen (Krupka) landen. Der Weg führt aber nicht direkt in die Stadt hinein, sondern bleibt am Waldrand, jetzt immer auf gleicher Höhe. Er führt uns in den Stadtteil Mariaschein (Bohosudov). Und dort direkt zur Talstation eines Sesselliftes. Zu dem später. Oder doch gleich: der Lift bewegt sich immer nur einmal pro Stunde, nämlich jeweils zur halben Stunde. Wer also, so wie wir, noch ein wenig Zeit hat, der kann ein paar Meter in den Ort gehen. Hauptattraktion ist die Wallfahrtskirche. Richtig gehört, Mariaschein war bis 1945 ein wichtiger europäischer Wallfahrtsort. Derzeit werden, ganz zaghaft, auch wieder Wallfahrten hierher durchgeführt, vor allem von Sorben. Die Kirche als solche ist aber, zumindest äußerlich, ziemlich sanierungsbedürftig.

DSCN0243 Wallfahrtskirche Mariaschein

Noch mehr Zeit tot zu schlagen? Dann besuchen sie doch noch den Friedhof direkt unterhalb der Liftstation. Der hat eine Besonderheit zu bieten: in hunderten Wandnischen werden hier Urnen hinter Glas verwahrt.

DSCN0244DSCN0245 Hat was

Gut, nun aber zurück zum Sessellift. Der soll uns, sie ahnen es schon, direkt zum Mückentürmchen bringen. Was er denn auch macht. Details: er fährt zwischen 8:30 Uhr und 18:30 Uhr immer zur halben Stunde. Erwachsene zahlen 3,10 Euro, Kinder 1,90 Euro. Dafür bekommt man ordentlich etwas geboten: der Lift ist 2300 Meter lang und damit der längste seiner Art in Osteuropa. Und er überwindet knapp 500 Meter Höhenunterschied. Fast eine Viertelstunde ist man unterwegs. Schon seit über 60 Jahren werden so die Ausflügler zum Mückentürmchen befördert.

DSCN0247 Liftige Grüße

Oben angekommen, geht es jetzt aber erst mal ins Restaurant. Wie immer im Böhmischen: lecker Essen, nichts für Wightwatchers, dafür aber unverschämt preiswert. Im ganzen Areal um das Türmchen, welches früher übrigens ein Glockenturm war, der den Bergleuten den Schichtbeginn anzeigte, gibt es gleich mehrere Gaststätten. Und von der Terrasse einen gigantischen Ausblick bis weit ins Böhmische hinein.

DSCN0251 Das Mückentürmchen

Zurück kann man dann auf einem recht kurzen Weg gehen: einfach vom Gipfel mit dem Turm absteigen, an einer Bushaltestelle nach rechts der Straße folgen und wieder in Voitsdorf landen. Von dort nach Fürstenau, was die Runde komplett macht.

DSCN0255 Kurz vor Voitsdorf fühlte ich mich beobachtet

Für Statistiker: 16 Kilometer zu Fuß, 2,3 Kilometer mit dem Sessellift. 1600 Höhenmeter insgesamt, davon 880 Meter bergauf. Da uns aber von denen der Lift glatte 500 Höhenmeter abnimmt, bleibt es eine entspannte Tour. Rund fünf Stunden unterwegs gewesen.

2 Gedanken zu „Eine Ruine, ein Turm voller Mücken, ein Sessellift

  1. Vielen Dank für die Super-Beschreibung. Wir sind am 02.10.2016 nachgewandert.
    Hat uns viel Spass gemacht, fanden die teils lustige Beschreibung einfach toll.
    Liebe Grüße von Birgit, André, Uwe und Ina

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