AG-Wege–eine Streitschrift

 

Update am 4.5.2014: Kult-Kartograph Rolf Böhm, seines Zeichens selbst Mitglied der AG-Wege, hat seine Gedanken zu dieser Institution jetzt mal aufgeschrieben. Wie immer: klug und voller Wahrheiten. Nachzulesen auf seiner Homepage hier.

Es folgt ein längerer Text, ohne Bilder. Also eher etwas für Leute, die sich an einer kontroversen Meinung reiben und über diese auch diskutieren wollen. Worum geht es also? Um die sogenannte AG-Wege, korrekt ausgedrückt Arbeitsgruppe „Wegekonzeption Nationalpark Sächsische Schweiz“.

Was ist das für eine Truppe?

Nun, es ist eine Zusammenkunft von verschiedenen Interessenvertretern, also etwa Umweltverbänden, Wander- und Kletterverbänden, Kommunen oder eben auch der Nationalparkverwaltung. In ihr sollen Veränderungen am Wegenetzt im Nationalpark diskutiert und beschlossen werden.

Schöne Sache, wo liegt denn da der Haken?

Es gibt gleich zwei Haken. Haken Nummer eins: die AG tagt nicht öffentlich, ihre Beschlüsse und Protokolle werden nirgends veröffentlicht. So fehlt jegliche öffentliche Kontrolle ihres Wirkens. Wohlgemerkt: der Nationalpark samt seiner Angestellten ist ein Konstrukt, welches nur und fast ausschließlich von den Steuergroschen der Sachsen finanziert wird. Da wäre es ja wohl die natürlichste Sache der Welt, jedem Steuerzahler auch Einblick in Entscheidungen dort zu geben. Außerdem hat diese „Verschwiegenheit“ der AG auch eine andere Auswirkung, und die hat etwas allzu menschliches: wer einmal dazu gehört, der fühlt sich in einem exklusiven Verein aufgenommen, genießt zwar keine Privilegien, aber immerhin Einblick in interne Informationen. Was in der Konsequenz bedeutet: er wird handzahm. Haken Nummer zwei: nach ihrer Geschäftsordnung darf die AG Beschlüsse nur einstimmig fassen. Oder anders ausgedrückt: die Nationalparkverwaltung besitzt ein Vetorecht. Alle anderen können dafür sein, ein schlichtes „Nein“ von Seiten der NPV kippt jede Vorlage. Dies hat nun mit Demokratie gar nichts mehr zu tun, dies erinnert viel mehr an das Gebaren fürstlicher Landbesitzer. Letztlich ist die AG damit keineswegs ein irgendwie demokratisches Gremium, sondern nur ein Deckmäntelchen, unter dem die NPV weiterhin machen kann, was ihr beliebt.

Ja, das ist dumm, aber warum jetzt das Geschreibsel?

Zum einen: weil es drei aktuelle Beschlüsse der AG gibt, die ich so nicht stehen lassen will. Zum anderen: weil mir – anonym – das Protokoll der letzten Sitzung zugespielt wurde. (Ehe Fragen kommen: ich werde das Protokoll weder veröffentlichen noch weitergeben – aber daraus zitieren.) Was mich aber richtig gefuchst hat: dieses Protokoll ist ein Armutszeugnis für alle anwesenden Interessenvertreter. Keiner muckt auf, alle nicken mehr oder weniger bereitwillig die Vorgaben der NPV ab. Das war keine Sitzung eines beschließenden Gremiums, das war eine schlichte Informationsveranstaltung der NPV über eh schon gefasste Beschlüsse.

Was mich ärgert, im Einzelnen

Es wurde die Öffnung dreier bisher gesperrter Wege beantragt. Wohlgemerkt: keine Trampelpfade, sondern Wege, die seit hunderten Jahren existieren und die erst mit der segensreichen Einrichtung des Nationalparks gesperrt wurden. Im Protokoll liest sich das kurz und knapp so:

„In allen drei beantragten Fällen (Oberer Fremdenweg, Rotkehle, Eulengrund) kann einer Öffnung aus Naturschutzgründen nicht zugestimmt werden“

Keine Diskussion. Kein Kontra. Aus „Naturschutzgründen“. So so.

Aber ich will nicht ungerechter sein, als ich es eh schon bin. Denn eine Art Erklärung hat es durchaus gegeben, die aber eben im Protokoll (wir machen einen auf Harmonie) nicht vorkommt. Und so wurde argumentiert:

Oberer Fremdenweg: hier wäre ein übergroßer Anstieg der Besucher zu befürchten, weil über den Zugang zum Pavillon dann ein Rundweg möglich wäre. Klar, genauso ist es. Und, was wäre daran so schlimm? Ein Mensch, oder auch 100, die einfach nur durch den Wald laufen, haben dem noch nie geschadet.

Rotkehle: hier würde sich ein Sumpfbiotop ausbilden, welches schützenswert ist. Hmm, davon muss ich mich erst mal überzeugen. Ich werden also demnächst mal die Rotkehle begehen und mich umschauen. Aber schon jetzt ist klar: wenn es nur um den Sumpf geht, dann schaut euch mal an, was die Harvester so hinterlassen. Sumpf ist dafür noch geschmeichelt.

Eulengrund: hier steht die Wegesicherungspflicht im wahrsten Sinne des Wortes im Wege. Denn es drohen am Wege so ein paar alte Buchen umzufallen, was ja gefährlich werden könnte. Na toll, auf der Straße darunter, wo jetzt der offizielle Wanderweg entlang führt, da besteht keine Gefahr, weil die dort langheizenden Biker ja für Familien mit Kindern ungefährlich sind. Aber so eine Buche….

Fazit: es sind schon Leute erschossen worden, denen keine Ausrede mehr eingefallen ist. Der Nationalparkverwaltung droht diese Gefahr nicht. Was mich aber immer wieder auf die Palme – und damit zurück zum Thema – bringt: selbst in so einem offiziellen Gremium kann die NPV per Ordre de Mufti alle Argumente einfach abbügeln, und die handzahmen Vertreter verschiedener Organisationen schweigen dazu.

Aber schauen wir doch mal in die Vergangenheit, was schon an Wegen durch Beschluss der AG geöffnet wurde. Oder eben auch nicht:

· Antrag von Lothar Hempel, Öffnung des Grenzweges: von der NPV abgelehnt.

· Antrag von Dietmar Schubert: Einführung einer zeitlichen Öffnung gesperrter Gebiete bei gleichzeitiger Sperrung anderer Gebiete (Zeitscheibe): von der NPV abgelehnt.

· Antrag von Rolf Böhm: Zugang zur Oberen Webergrotte als Einbahnstraße: von der NPV abgelehnt.

· Antrag von Dietmar Schubert: Schaffung eines Rundweges Webergrotte – Kanapeeaussicht: von der NPV abgelehnt.

· Antrag den Weg von der oberen Richterschlüchte zum Grenzweg freizugeben: von der NPV abgelehnt.

· Und so weiter…..

Aber es hat auch einige wenige positive Entscheidungen gegeben:

· Der Weg durch den Großen Dom wurde mit einer Kette gesichert. Nun, dieser Weg war allerdings auch nie gesperrt, er war nur schwer begehbar.

· Der namenlose Pfad von der alten Böhmerstraße zum Königsplatz wurde markiert. Ein Entscheidung, über die ich mich wirklich gefreut habe. Allerdings weiß ich nicht, von wem hier die Initiative ausging.

· Ein Weg auf den Fritschenstein wurde markiert, auch hier weiß ich nicht, auf wessen Initiative. Brauchbar ist der Weg aber nicht.

Zwischenfazit: so richtig sinnvoll ist es nicht, über die AG die Öffnung eines Weges zu beantragen. Es geht eh aus wie das Hornberger Schießen. Nur möge sich die NPV bei solcher Sturheit nicht wundern, wenn bei anderen Wegen demnächst – und de facto schon jetzt – keiner mehr fragt, sondern sie einfach benutzt. Dazu konkret: seit etwa drei Jahren bemüht sich die IG Stiegen- und Wanderfreunde um eine Freigabe des Eulengrundes. Drei Jahre Hinhalten, und dann ein glatter abschlägiger Bescheid. Hat die Nationalparkverwaltung tatsächlich noch Beratungsbedarf, warum sie so einen miesen Ruf hat?

Was ist zu tun?

Gutmütiges Reden, wohlwollendes Verhalten und Abwarten bringt nichts. Die NPV hat mehr als einmal gezeigt, dass sie solches locker übergehen kann. Und sich nebenbei selbst so allerlei Dinge erlaubt, die andere nicht mal denken dürfen – beispielsweise zu privaten Partys mit dem Auto bis zur Brandbaude fahren. Hier hilft nur noch politischer Druck.

1. Die komplette Geschäftsordnung der AG muss geändert werden. Erstens: alle Sitzungen finden öffentlich statt. Zweitens: über deren Ergebnisse wird die Öffentlichkeit informiert. Drittens: Beschlüsse werden mit einfacher Mehrheit gefasst, es gibt kein Vetorecht. Mit einem solchen Konstrukt wäre ein Mindestmaß an Demokratie wieder hergestellt. Denn so ein Nationalpark dient eben nicht sich selbst, sondern den Bürgern, die ihn auch finanzieren. Und die nichts von ihm haben, wenn sie ihn in immer größerem Maße nicht betreten dürfen. Diese Änderungen der Geschäftsordnung können vom sächsischen Umweltministerium verordnet werden.

2. Die gesamte Nationalparkverordnung bedarf Korrekturen. So muss die elende „Kernzonenverordnung“ komplett gestrichen werden. Und es gehört auch ein Verbot in die Gesetze, im Nationalpark mit schwerer Forsttechnik zu wüten. Solch eine Änderung kann nur der sächsische Landtag beschließen.

In eigener Sache

Wie wir schon gelesen haben: Besserung ist hier nur auf politischer Ebene möglich. Weshalb ich mich entschlossen habe, auch mit Mitte 40 noch in die Politik zu gehen. Ich werde in der Sächsischen Schweiz bei den anstehenden Landtagswahlen antreten. Für welche Partei, damit halte ich noch so lange unter dem Deckel, bis meine Kandidatur auch offiziell ist. Nur soviel, für alle, die das Schlimmste befürchten: nein, die NPD ist es natürlich nicht.

3 Gedanken zu „AG-Wege–eine Streitschrift

  1. Tatsächlich eine echte Showgruppe die den Anschein demokratischer Entscheidungsfindung vorgaukeln soll. Dabei wäre es doch wesentlich effektiver, wenn diese Gruppe aufgelöst würde. Denn wenn die restlichen Gruppenmitglieder eine Entscheidung gar nicht beeinflussen können, dann könnte deren einzige Funktion, Anregungen, Wünsche, Bittstellungen und andere Audienzgesuche an die NPV heranzutragen, auch einfach über eine Mailadresse in der selbigen realisiert werden. Das Löschtastedrücken könnte ein Automatismus übernehmen und Begründungen müsste ja genausowenig wie heute geschrieben werden.

    Beim Oberen Fremdenweg ist die Begründung schlicht unsachlich, denn wo sollen denn die „übergroßen“ Besuchermengen plötzlich herkommen. Wer dort auf einem Rundweg, übrigens eben NICHT einfach so durch den Wald, sondern auf einem Weg unterwegs ist, der kommt doch nicht extra und zusätzlich dort hin, sondern läuft jetzt entweder oben oder unten vorbei und später dann eben dort weniger. Nach meinen laienhaft logistischen Vorstellungen würde das die Gesamtbesuchermenge nicht vermehren, sondern nur auf mehr Wege verteilen und verdünnen. Und wenn an dem gedanken überhaupt was dran ist, dass mehr Menschen auf einer Stelle eine größere belastung darstellen, so wäre dann ja wohl eher eine allgemeine Entlastung erreicht. Dass hier eine Totalreservatzone dem Tourismus eröffnet werden soll ist ja wohl nicht der Fall.

    Den Weg in die Rotkehle kannst du dir sparen. Da ist es tatsächlich sehr feucht und wenn die „Naturschützer“ das üppige Grün zum Feuchtbiotop erklären, da kannst du deine Mappe zuklappen und darfst noch froh sein, wenn sie nicht die Harvestergräben zu solchen Biotopen erklären, nachdem sie voll Wasser gelaufen sind.

    Der Eulengrund ist zwar ein Ärgernis, aber auch ganz leicht nachvollziehbar. Totholzbäume sind tatsächlich biologisch sehr wertvoll, weshalb einfach fällen natürlich ausfällt. Nein nein Arndt, du irrst, wenn du jetzt auf das Fällen großer Buchen zum Wegeverhauen verweisen willst. Das waren sicher gesunde Bäume. Das geht. Totholz bleibt stehen. Weg um Fallbereiche herumverlegen geht entweder nicht, oder ist einfach zu teuer. Drunterlanglaufen lassen ist wäre natürlich verantwortungslos. Ob die Menschen auf der Straße auch, weniger oder mehr gefährdet sind, das ist für die NPV nicht von Belang. Die Straße ist keine Kernzone, gehört nicht zum Park und dafür ist die NPV auch nicht verantwortlich.

    Eine Vorschrift, dass ein Wanderweg nicht auf einer Autostraße verlaufen darf, existiert nicht.

  2. Nu isses ja wohl raus, aber diese Richtung hatte ich nicht erwartet. Na dann, bis vielleicht bald, Herr Kollege?

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