“Bye-bye Bastei” – Schmarren in der “Bild”

 

Blick zum Wartturm Bleibt erhalten: Blick zum Wartturm

Die Bildzeitung vermeldet also, dass die bröselige Spitze der Basteiaussicht für immer gesperrt bleibt, weil sich der Fels nicht sanieren lässt. Soweit die blanke Meldung. Warum es mir dennoch stinkt, das könnt ihr im Folgenden lesen:

1. Wenn eine Region um Touristen wirbt und von Touristen lebt, und beides ist im Elbsandstein seit 200 Jahren erfolgreich der Fall, dann kommt immer auch ein bestimmter Prozentsatz an organisiertem Massentourismus mit. Das ist unvermeidbar, normal und auch absolut in Ordnung. Schließlich haben Japaner auf ihren drei Wochen Europatrip nicht die Zeit, die geheimnisvollen Seitenschlüchte des Großen Zschand zu erkunden.

2. Wenn man diesen Massentourismus an einer Stelle bündeln kann, ist schon viel gewonnen für den Rest der Natur. Genau diese Funktion erfüllt die Bastei, und zwar auf hervorragende Weise. Man kann sie per Bus anfahren, der Erlebnisfaktor ist hoch, die Mühen der Besichtigung klein, und die Zeit für dieselbe kann der Reiseführer gut planen. Bier und Würste gibt es auch, und fürs gegenteilige Bedürfnis Toiletten. Der kürzlich verstorbene Dietrich Graf, seines Zeichens Nestor des Naturschutzes im Elbsandstein, sagte mal sinngemäß in einem Fernsehinterview: „Wenn es die Bastei nicht schon gäbe, wir hätten sie erfinden müssen.“

 

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Die Bastei auf einer Margarinesammelkarte von 1928

3. Und jetzt kommt die „Bild“ ins Spiel, und ich ärgere mich. „Bye-bye Bastei – Aussichtspunkt wird für immer dicht gemacht“ lautet die Schlagzeile. Was glauben diese Lückenpresseheinis eigentlich, wie das bei weniger Ortskundigen ankommt? Genau: da ist nichts mehr, wird sich der unkundige Tourist denken. Und auch der eine oder andere Reiseveranstalter, der seine Touren von einem weit entfernten Schreibtisch aus plant, wird die Bastei überdenken.

4. Die Busse werden andere Ziele ansteuern, Ziele, die bisher vom Massenansturm verschont blieben. In Hinterhermsdorf sollte man schon mal ein paar Boote zusätzlich kaufen.

5. Das ist alles andere als wünschenswert, funktionierte doch diese Bündelung des Massentourismus an einer Stelle (im Jahresdurchschnitt 4000 Besucher pro Tag) bisher wunderbar. Turn- und Stöckelschuhe sowie Handtaschen auf die Bastei, Wandertreter und Rucksäcke in den Rest des Gebietes.

Deshalb an dieser Stelle – und ich hoffe von Seiten des Tourismusverbandes und der NPV folgen ähnliche Texte – eine Klarstellung: es sind gerade zehn Meter einer vorspringenden Felsnase, die gesperrt werden.

Basteiaussicht Noch ohne Sperrung: die Basteiaussicht

Im Bild gut zu sehen: links vom roten Strich wird gesperrt bleiben, rechts ist alles gut. Und alles, wirklich alles, was man links sehen konnte, kann man auch rechts sehen. Obendrein gibt es noch einen Sack voll andere Aussichten im Umkreis von 200 Metern, an denen sich gar nichts ändert. Da beißt die „Bild“ keinen Faden ab.

Und was diese Minisperrung selbst betrifft, so habe ich ausnahmsweise mal volles Verständnis: Sandstein ist von bröseliger Natur, und man kann nie so genau sagen, wie lange er hält. Der Fels kann gut und gerne noch 200 Jahre da stehen, er kann aber auch schon in zwei Monaten runter kommen. Und wenn man um die Probleme weiß, dann wäre es unverantwortlich, nichts zu tun. Gott sei Dank weiß man aber in den meisten Fällen nicht um die Probleme, sonst wäre die Hälfte der Region schon gesperrt.

Fazit: die Bastei muss ihre Funktion als zentraler Kulminationspunkt des Massentourismus behalten. Deshalb sollte wirklich auf allen Kanälen zügig ausposaunt werden, dass die „Bild“ hier sinnlos die Pferde scheu macht und von der Sperrung weder die Aussichten noch der Erlebnisfaktor eines Basteibesuches betroffen sind.

Update, 6.2.2017: Mittlerweile berichten auch andere Medien zu dem Thema. Leider alle, auch die “seriösen” unter der Überschrift “Basteiaussicht bleibt für immer gesperrt”. So ein Unsinn. Nochmal: 10 Meter werden gesperrt, an Ausblicken geht gar nichts verloren. Es graus die Sau.

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10 Gedanken zu „“Bye-bye Bastei” – Schmarren in der “Bild”

  1. Wir haben weltweit ganz hervorragende Wissenschaftler, gerade in Dresden mit Forschungen zu Stahlbeton, Carbonbeton und schicken uns an Menschen zum Mars zu schicken, da sollte es doch ein Leichtes sein, eine Felsvorsprung vorm Abbruch zu sichern und diesen somit der Nachwelt zu erhalten. Die Fokkussierung der Tourismusbranche auf die Bastei schont nicht zuletzt das gesamte Naturschutzgebiet der Sächsischen Schweiz vor weiterer Zerstörung.

  2. Sehr gut geschrieben, dafür von mir ein großes Danke !
    Aber was ist die Bildzeitung ? Ich habe sie noch nie gerne gelesen und werde auf diese Zeitschrift in Zukunft vollständig verzichten.

  3. Ich sehe das genauso wie du, Arndt. Und ich hoffe, Tourismusverband und NPV reagieren unverzüglich und schaffen Klarheit.

  4. Vielleicht kann ich ja hier etwas zur „Aufklärung“ beitragen – ich bin einer der beiden Autoren des Artikels. Dem genauen Leser wird auffallen, dass wir immer von der „Bastei-Aussicht“ gesprochen haben, die gesperrt ist. Die ist – in der Tat seit 200 Jahren – die vorstehende Plattform mit dem Geländer. Genau die ist auch in historischen Stichen etc verewigt – und nicht der zugang zur Aussicht, von der man den Wartturm sehen kann. Um allen Verwechslungen vorzubeugen, wurde sogar noch ein Foto gezeigt.
    Unter dem Bild der Bastei-Brücke steht auch, dass diese weiterhin begehbar ist!

    Was die Diskussion über technische Möglichkeiten einer Ersatz-Plattform betrifft, so haben wir die in der heutigen Ausgabe aufgegriffen, denn auch wir fänden die ersatzlose Sperrung schade.

    http://www.bild.de/regional/dresden/bauprojekte/letzte-hoffnung-skywald-50123636.bild.html

    Und allen Nörglern und „Lückenpresse“-Schimpfern, Herr Noack, zum Trotz, haben wir auch noch drei weitere tolle Aussichten im Elbsandsteingebiet gezeigt.

    Mal sehen, ob Sie die Meinungsfreiheit auf Ihrem Blog ernst nehmen und diesen Kommentar veröffentlichen. Beste Grüße!

    1. Und Sie glauben in ihrer ge „bild“ eten Redaktion tatsächlich, dass der wenig ortskundige Leser zwischen „Bastei“, „Basteiaussicht“ und „Zugang zur Basteiaussicht“ zu unterscheiden vermag? Ich darf leise zweifeln.

      1. …auf jedenfall werden deshalb die Bustouren auf die Bastei nicht abgesagt – wie Sie suggerierten und der Tourismus in der ganzen Region zurück gehen. Das können die Reiseveranstalter schon unterscheiden. Außerdem wirbt die Sächsische Schweiz auch mit jeder Menge (anderer) Attraktionen auf deutschlandweiten und internationalen Messen.
        Und ich bin guter Dinge, dass auch dieses Jahr wieder viele Gäste kommen – wenn sie sich nicht aufgrund politischer Entwicklungen (leider) für eine andere Urlaubsregion entscheiden…

  5. Hallo Frau Lord,
    in dem von Ihnen erwähnten Artikel vom 05.02.2017 – 23:39 Uhr steht aber
    … über 200 Jahre lang war der Bastei-Felsen die beliebteste Aussicht Sachsens! Über eine Millionen Touristen pilgern jährlich auf den Vorsprung hoch über der Elbe. Doch der bleibt nun für immer dicht!…. (keine weiteren Erklärungen zu Basteiaussicht und Zugang zur Basteiaussicht etc. in diesem Artikel)
    Und das klingt ja im Vergleich zu Ihrem Bericht vom 03.02.2017 – 23:29 Uhr dann doch extrem dramtisch. Wir, die uns dort auskennen, wissen das nur der vordere Teil der Basteiaussicht gesperrt wird und die grandiosen Aussichten erhalten bleiben. Der unbedarftere Tourist wird nach dem Lesen der oberen Zeilen aber eher annehmen das sich ein Besuch der Bastei nicht mehr lohnt, da der gesamte Basteifelsen gesperrt wird. Und das ist dann wohl wirklich schade!

  6. Also ich bin kein Freund der BILD-Zeitung, sehe mich jetzt aber doch geradezu gezwungen, diese Nachricht und ihre Autoren in Schutz zu nehmen.
    Die Meldung stimmt wohl. Gestern kam es im Sachsenspiegel, dass der vordere Teil der Bastei-Aussicht geschlossen bleiben soll.
    Genau dieser Aussichtspunkt, auf dem man sich vorkommt wie auf dem Bug eines riesigen Schiffes, genau dieser Aussichtspunkt ist für viele Touristen eben der Inbegriff der Bastei.
    In dem Sachsenspiegel-Beitrag kam auch eine Touristin zu Wort, die von ganz weit her eben wegen diesem Blick kam, und total enttäuscht war, dass dieser Aussichtspunkt abgesperrt war.
    Ich persönlich werde diesen Blick auch vermissen, obwohl ich auch die wunderschönen Aussichten vom Tiedgestein und vom Kanapee kenne. Aber oben an der Basteiaussicht, das ist schon was ganz besonderes. Natürlich nicht, wenn dort die Touristenmassen sich tummeln, sondern ganz früh am Morgen oder abends. Dann ist es dort wunderbar einsam und ruhig.
    Aus meiner Sicht ist es die Pflicht einer unabhängigen Presse, über die endgültige Schließung dieses Aussichtpunktes zu berichten. Alles andere wäre unfair gegenüber all jenen, die eine weite Anreise in Kauf nehmen, um genau dort zu stehen und ins Elbtal zu blicken. Sollte man die ganze Sache unter dem Deckel halten und verschweigen?
    MfG
    Andreas Balko

  7. Die Sächsische Zeitung hat noch einen drauf gesetzt: Es bestünde die Idee, auf dem dann gesperrten Abschnitt Skulpturen aufzustellen. Etwas Geschmackloseres könnte ich mir nicht vorstellen (von der Sichtbehinderung ganz abgesehen). Selbstverständlich würden die Skulpturen dann im brüchigen und gefährdeten Fels absturzsicher verankert.

    MfG
    Uwe Klaus

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