Auf verbotenen Wegen–eine Replik an Ulrich Voigt Oder: der Balken im eigenen Auge

Obacht: verbotenVor einigen Tagen veröffentlichte Ulrich Voigt, seines Zeichens Nestor der sächsischen Bergsteiger und Ehrenvorsitzender des Sächsischen Bergsteigerbundes, in der Sächsischen Zeitung einen Text unter der Überschrift “Auf verbotenen Wegen”. Man kann ihn hier nachlesen. Kurz gefasst beklagt der Autor darin, dass immer mehr Publikationen auf sogenannte “verbotene” Wege aufmerksam machen. Sei es im Internet oder in gedruckter Form. Und er befürchtet, dass so bald ein Massenauflauf auf diesen Wegen zu beklagen sein wird.

Das kann ich so nicht stehen lassen.

Wofür es verschiedene Begründungen gibt.

1. Ein Massenauflauf auf diesen Wegen ist definitiv nie zu befürchten. Dazu sind sie viel zu wenig massentauglich. Zwei Beispiele: zum einen der Thorwalder Gratweg. Dieser ist nur mit Trittsicherheit, ein wenig Kletterfertigkeit und einem gerüttelt Maß an Kondition zu bezwingen. Das tut sich niemand an, der in der eventorientierten Großgruppe, vielleicht auch noch mit Führer, unterwegs ist. Obendrein gibt es auf dem Weg wenig Aussichten. Es wurde beklagt, dass bis zu 4000 Wanderer diesen Weg im Jahresdurchschnitt benutzen. Zum Vergleich: genau so viele kommen täglich auf die Bastei.

Gratweg  Auf dem Gratweg

Beispiel zwei: der Grenzweg. Allein der Anmarsch, bis man den Weg erreicht hat, ist im kürzesten Fall sechs Kilometer lang. Je nach Richtung, in der man den Weg geht, ist ein sehr steiler Auf- oder Abstieg zu absolvieren. Der nächste Parkplatz ist besagte sechs Kilometer entfernt, Wirtshäuser gibt es im näheren Umfeld auch keine. Völlig untauglich für den Massentourismus.

Grenzweg Grenzweg

2. Um bei den beiden Beispielen zu bleiben: es gibt keinerlei besonders geschützte Tiere im Bereich dieser Wege. Und falls es seltene Pflanzen geben sollte, so gedeihen die, das liegt in ihrer Natur, neben dem Weg und nicht darauf.

3. Herr Voigt beklagt die Veröffentlichungen zu diesen Wegen. Er schielt da sicher besonders auf die Bücher aus dem Stiegenbuchverlag, auf die Wanderkarten von Rolf Böhm und auf diverse Internetseiten. Die offiziellen Kletterführer, von dem Verband abgesegnet, dem er ehrenhalber vorsteht, sind in diesem Zusammenhang natürlich sakrosankt. Dabei lohnt sich ein Blick darauf. Da die Skizzen aus diesen Standardwerken auch von der Nationalparkverwaltung verwendet werden, hier wieder zwei Beispiele. Zum einen: das Brandgebiet, Teil Eins. Der kundige Wandersmann wird hier sogleich entdecken, dass mit “Eisenbahnerloch”, “Mittlerem Saugrund” und “Schlaglöchern” gleich drei “verbotene” Wege eingezeichnet sind. Und beschriftet. Beispiel zwei: wieder Brandgebiet, Teil Zwei. Hier finden wir die sogenannte “Fee vom Polenztal” unter der Bezeichnung “Felsbild” eingezeichnet und beschriftet.

Fee vom Polenztal Die Fee vom Polenztal

Und von diesem Felsrelief ist verbürgt, dass ein recht bekannter Internetautor, der es mit seinen Kindern besuchen wollte, dafür ein Ordnungsgeld aufgebrummt bekam.

Herr Voigt möge also bitte zunächst vor der eigenen Haustür fegen, ehe er andere angreift. Aber wie so oft bemerkt man den Span im Auge seines Gegenübers eher als den Balken im eigenen.

Mein Fazit: von einem Wanderer, so er denn nicht lärmt und keinen Müll zurücklässt, geht überhaupt keine Gefahr für die Natur aus. Die Natur muss sich auch nicht erholen, wovon denn? Allerhöchstens von den Mondlandschaften, die schwere Forstmaschinen hinterlassen. Aber die sind ja zum Segen der Natur da. Die vielen kleinen Pfade sollen nach dem Willen der Nationalparkverwaltung nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Und so gebührt Menschen wie Rolf Böhm und Axel Mothes mein besonderer Dank, auf dass das nie passiere.

3 Gedanken zu „Auf verbotenen Wegen–eine Replik an Ulrich Voigt Oder: der Balken im eigenen Auge

  1. Ulrich Voigt’s Beitrag in der SZ ist schon ein Kleinod. Liest sich wie ein Beitrag aus dem ‚Neuen Deutschland‘ zu tiefsten DDR-Zeiten. Manche Dinge ändern sich wohl nie.

  2. Ich laufe diese Wege und das sehr gern, einen Obulus an die Verwaltung durfte ich auch schon entrichten. Nur sehe ich die Publikation eben sehr skeptisch, die Interessierten Wanderer und Naturfreunde finden auch ohne die Stiegenführer diese Kleinode der Wanderkunst.
    Diese Führer fördern die Frequentierung und damit provoziert man doch das Eingreifen durch die Nationalparkverwaltung.
    Wolen wir hoffen,das sich das ganze wieder beruhigt.
    Berg Heil

  3. Der Vergleich von Herrn Voigt in seinem Beitrag hinkt sehr stark, er sollte bedenken, daß viele der heute gesperrten Wege seit Jahrhunderten existieren und begangen werden durften, einige waren sogar Hauptwanderwege in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz (Großer Zschand, Fremdenweg zum Prebischtor, Stimmersdorfer Steig usw.). Was Kultur betrifft, sehe man sich nur
    an, was früher unsere Vorfahren beim Bau von Wanderwegen in teilweise extremen Gelände geleistet haben (Stützmauern, Treppen, Brücken, Felssicherungen usw.), z.B. am Kerbensteig (siehe auch kerbensteig.jimdo.com).
    Dies alles kann man nicht einfach so vergessen und verfallen lassen, deshalb Dank an alle, die in Wort, Bild und auch durch Begehung für den Erhalt solcher Wege sorgen.
    Und wenn Herr Voigt und andere Nationalparkmitarbeiter so um den Naturschutz besorgt sind, sollten sie sich erstmal um die illegalen großflächigen Müllkippen nördlich vom Prebischtor mitten in der Kernzone kümmern, an denen sich Tiere verletzen und vergiften könnten. Was sind dagegen paar Wanderer, die still den Entenpfützenweg entlangschleichen.
    Herr Voigt bemängelt auch, daß es gedruckte öffentlich käufliche Literatur über die im Nationalpark gesperrten Wege und diverse Beiträge im Internet dazu gibt. Deshalb hier noch ein Tipp an ihn: seit 2008 gibt es eine Reprint-Meinhold-Wanderkarte von 1927 vom Sonnenblumenverlag Dresden (10,90 Euro), dort
    sind alle Wege einschließlich der heute verbotenen drauf, und sie kann auch (laut Vorwort des Verlages) für heutige Wandertouren noch gut verwendet werden.
    Eines Tages wird man alle heute verbotenen Wege wieder freigeben, weil man erkennt, daß Naturschutz und die Begehung dieser Wege sich nicht gegenseitig ausschließen. Dann wird man denjenigen dankbar sein, die diese Wege schriftlich und im Internet bewahrt haben.

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