Einen Zappen im Lande des Zappens

Region: Böhmische Schweiz
Dauer: 7:30 Stunden
Entfernung: 21 Kilometer
Höhenmeter: (Hoch und Runter): knapp 1000 Meter
Schwierigkeit: Lang, einiges Auf und Ab. Wechsel von Pfaden und bequemen Waldwegen.
Bemerkungen: S-Bahn bis Schöna, dann Fähre. Oder parken in Herrnskretschen am Elbkai. Einkehr in allen Dörfern, Imbiss am Belveder.

Jetzt dreht er endgültig durch, was seine Überschriften betrifft. Aber mitnichten, ich schreibe noch nicht aus der Geschlossenen. Vielmehr heißt so tatsächlich ein Landstrich: die Hochebene im Böhmischen, die oberhalb von Herrnskretschen (Hřensko) beginnt und sich elbaufwärts bis kurz vor Tetschen (Děčín) zieht. Zappenland! Eine tschechische Bezeichnung gibt es meines Wissens nicht. Mehrere Gründe waren es, die mich mal wieder dorthin zogen. Zum ersten: es gibt dort viele malerische Dörfer, die allesamt wirklich schmuck aussehen. Und in und um diese Dörfer gibt man sich viel Mühe mit den Besuchern. Viele kleine Annehmlichkeiten locken am Wegesrand. Zum zweiten: es gibt hier jede Menge wirklich tolle Wege. Auf denen auch nicht, weil fern vom Nationalpark, an jeder Ecke einer mit dem Verbotsschild wedelt. Was natürlich nicht heißt, das man sich hier im Walde bewegen darf wie die Axt in demselben. Zum dritten: die Gegend ist längst nicht so stark besucht wie der nahe Nationalpark, steht dem aber in Sachen Sandstein in nichts nach. Und zum vierten: es gibt da, auf dem letzten Stück der Tour, ein paar uralte Treppen, die heute fast vergessen sind. Ich wollte mal schauen, wie die das allgemeine Borkenkäfer-Mikado überlebt haben. Vorweg: sie haben es prächtig überstanden.

Man folge mir also geschwinden Fußes auf eine Runde mit vielen kleinen und größeren Höhepunkten. Einen Zappen hatte ich dabei übrigens dann doch nicht.

Starten wir also in Herrnskretschen (Hřensko). Per S-Bahn bis Schöna, dann mit der Fähre über die Elbe ins Böhmische. Oder per Auto bis in den Ort, wer Glück hat, findet am Elbkai noch einen kostenlosen Parkplatz. Andere Parkplätze im Ort sind eher kostenintensiv. Die in den Ortskern führende Handelsmeile der Vietnamesen mit ihren Verlockungen in Sachen Markenklamotten, Socken und Schlüpfer (10er Pack), Vogelhäuschen, Stichwaffen und bewusstseinserweiternden Mitteln ignorieren wir komplett. Satt dessen gehen wir noch ein paar Meter elbaufwärts, und erspähen dann, etwas versteckt, diese Treppe.

 Da hoch

Sieht etwas wurmstichig aus, aber bis zwei Zentner Lebendgewicht sollte sie noch halten. (Wer mehr hat, trainiert bitte erst mal im Stadtpark.) Der Weg – jetzt mit einem gelben Strich markiert – wird schnell pfadig-stoppelig und zieht sich geschwind in die Höhe.

Nach einem sehr kurzen Aufstieg erreichen wir dann auch schon die Aussicht am Elisalexfelsen. Blick über die Elbe, über Herrnkretschen und nach gegenüber zur geheimnisvollen Aussicht am Herrenhausfelsen. Die erreicht man aber auf ganz anderen Wegen.

 Gute Aussichten

Benannt ist dieser Aussichtspunkt nach Elisabeth Alexandra von Clary-Aldringen (1825-1878), deren Spitzname eben “Elisalex” war. Göttergatte Edmund Moritz wollte ihr an eben dieser Stelle ein Lustschloss bauen. Weil aber beim Hochadel schon damals gern mal Ebbe in der Kasse herrschte, war es damit Essig. Nach rechts weiter kommen wir zu einer zweiten kleinen Aussicht.

 Aussicht gesichtet

Noch ein paar Meter weiter, und der Weg macht eine scharfe Biege nach rechts. Es geht schon wieder mit uns aufwärts: im Zick-Zack und über Treppen und Wurzeln. Die eine oder andere nette Felsmurmel am Rande lässt dabei grüßen.

Endlich oben angekommen, geht es wieder nach rechts weiter. Jetzt sehr bequem und ohne Höhenunterschied. Ein Schild zeigt an, dass wir uns auf dem Kahlschen Höhenweg befinden. Ehrlich, das war mir neu. Weder auf alten noch auf neuen Karten hatte ich bisher diese Bezeichnung gefunden. Aber man lernt ja immer wieder dazu, und so lassen wir das mal stehen.

Die ganze Zeit begleitet uns fast schon zu gründlich das Wegezeichen Gelber Strich. Und führt uns zunächst am Waldrand entlang, dann ein Stückchen übers freie Feld. Obacht: hier latscht man schnell vorbei, der Feldweg ist nur noch rudimentär zu erkennen.

 Feldforschung

Dafür haben wir unser nächstes Ziel schon vor Augen: Jonsdorf (Janov). Der Ort empfängt uns zunächst mit einem liebevoll dekorierten Teich. Daneben eine flügellose Windmühle, die heute als Wohnhaus dient.

In den Sommermonaten führt ein Steg über den Teich. Der schwimmt aber nur auf dem Wasser und wackelt entsprechend wie ein Lämmerschwanz. Eine kleine Fotogalerie am Ufer zeigt, was man da so alles anstellen kann. Zwei Beispiele:

In Deutschland wohl undenkbar. Sie wissen schon: versicherungstechnische Fragen, Auflagen des Ordnungsamtes, der Steg ist diskriminierungsfrei für Rollstühle auszubauen, bei Fahrrädern ist sicherzustellen, dass kein Kettenfett ins Wasser gelangt…Falls sie den Steg aber vorfinden und testen wollen, empfiehlt es sich, eine Badehose dabei zu haben.

Weiter geht es, links rum, ins Ortszentrum. Wer schon ein Hüngerchen verspürt, findet hier mehrere Gasthäuser. Alle anderen folgen gleich der Ausschilderung zum Aussichtsturm (Rozhledna).

Dieser ist dann schon wieder so ein Beispiel für tschechische Gelassenheit. Denn eigentlich ist er ein Mobilfunkmast. Den hat man einfach etwas stabiler als üblich gebaut und um Treppe und Plattform ergänzt. Fertig. So viel Pragmatismus wünsche ich mir mal für Deutschland.

Wer mitzählen will: es sind 161 Stufen und 30 Meter bis hoch. Die Aussicht geht rundum und lohnt sich auf jeden Fall. Allerdings kann man durch die Gitterroste bis unten durchschauen, und bei Wind schwankt das Luder. Wem es also schnell mal blümerant wird, der sollte dies bedenken.

 Frei ins Land und steil nach unten

Aufgestiegen oder nicht, die gelbe Markierung führt uns weiter. Und zwar erst am Rande eines Golfplatzes entlang und danach – kein Witz – darüber hinweg. Lediglich ein Schild meint, man solle aufpassen, keinen Golfball an den Dätz zu bekommen. Schon wieder tschechische Gelassenheit.

 Golf unter Gölfen

In den meisten Fällen ohne Blessuren kommen wir wieder in den Wald und sogleich in die Miniortschaft Kuttelburg (Hájenky). Bei gründlicher Zählung besteht die aus vier Häusern. Zügig vorbei und jetzt ein winziges Stück auf der Landstraße gelaufen.

 Kuttelburg

Noch ehe wir auf dieser, nach weniger als 100 Metern, den Ortsrand von Rosendorf (Růžová) erreichen, biegen wir wieder links in eine schmale Nebenstraße ab.

 Hier rein

Die führt uns gemächlich an allerlei feinen Ferienhäusern vorbei. Außerdem gibt es einige Teiche, bewacht von den unvermeidlichen böhmischen Wassermännern.

Vor uns sehen wir schon die Kirche. Die ist innen wie außen ein Gedicht. Besonderheit: der Glockenturm steht neben dem Kirchengebäude. Da gerade sonntäglicher Gottesdienst war, fiel eine Innenbesichtigung aus.

Dafür konnten wir dem Glockengeläut quasi auf Ohrenhöhe lauschen.

Praktischerweise liegt genau gegenüber der Kirche ein Wirtshaus, welches ich hier ausdrücklich empfehlen will. Es gibt vor allem die Klassiker der böhmischen Kleinigkeiten (Hermelin, Ertrunkene, Knoblauchsuppe) zu immer noch sehr erschwinglichen Preisen.

Jetzt scheiden sich die Geister: wer es noch nicht kennt, sollte den Wegweisern zum Aussichtsturm auf dem Hutberg (Pastevní vrch) folgen. Der Turm ist ein mutiges Konstrukt und die Aussicht wunderbar. Kleiner Griff ins Archiv:

 Der Turm 2023

Wir hatten diesmal anderes vor. Denn in Rosendorf gab es tatsächlich auch mal eine protestantische Kirchgemeinde. Und deren Kirche soll, so hatte ich läuten gehört, ein “Lost-Place” sein. Wegweiser dahin gibt es keine, aber so groß ist der Ort ja nicht. Gesucht und gefunden: eine Ruine vor dem Herrn, da ist nichts mehr zu retten. Gesichert ist das ganze Gelände aber so gut wie gar nicht, man kann alles problemlos umrunden. Man käme sogar hinein, aber da hatte ich Muffengang. Ein Huster, und alles fällt zusammen.

Neben der Kirche folgen wir einem rot markierten Weg. Der ist eine Art Lehrpfad, sehr hübsch gestaltet. Leider alle Erklärbär-Tafeln nur auf Tschechisch, aber irgendwie kann man sich denken, worum es geht.

Zum Ende dieses Pfades kommen wir noch an einem Gottesacker vorbei, der leider ziemlich vernachlässigt wirkt.

Wir stehen an einer Landstraße, schräg gegenüber ein Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das ist wiederum prima gepflegt.

 Errichtet 1925

Von hier aus über eine hübsche Brücke und am Waldesrand entlang. Wir erreichen Neuwelt (Nový Svět). Das Örtchen, welches eigentlich nur aus Ferienhäusern besteht, empfängt uns mit einigen Trimm-Dich-Geräten und einer Bank, die nochmal an den Aussichtsturm auf dem Hutberg erinnert.

Kurz links auf die Dorfstraße, dann rechts nach Arnsdorf (Arnoltice). Es geht ins Tal runter und gleich wieder hoch. Geschwind stehen wir im Ortskern. Wo es auch schon wieder ein Wirtshaus gibt.
Auffällig ist aber hier vor allem die schon wieder sehr große Kirche. Und an der konnte man in den vergangenen Jahren erfreuliches beobachten. Vor rund zehn Jahren noch ein Kandidat für den baldigen Abriss, erstrahlt sie jetzt von außen wieder in sakraler Pracht. Innen ist allerdings noch nichts wiederhergestellt. Da bin ich aber sehr optimistisch.

  Jeder nur ein…

Vom Dorfplatz aus folgen wir jetzt der blauen Markierung in Richtung Dürrkamnitz (Suchá Kamenice). Das ist kein Dorf, sondern eine Schlucht. Still und beschaulich geht es im Wald bergab.

Ganz kurz vor Erreichen des Tals erhebt sich vor uns die Krümmerwand. Hier stand tatsächlich bis 1945 eine Kneipe, die dann leider geschleift wurde. Dafür gibt es jetzt eine Boofe, wie sie im Buche steht – tschechische Gelassenheit.

Wir folgen dem Weg durchs Tal. Leider ist der an einigen Stellen arg zugewachsen und es liegen Stämme kreuz und quer. Aber alles ohne akrobatische Einlagen zu überwinden.

An einer Abzweigung verwehrt uns dann Flatterband und ein Sperrschild den Weiterweg geradeaus. Grund: auf der Strecke, die direkt zurück nach Herrnskretschen führen würde, herrscht sehr hohe Baumbruchgefahr. Allerdings schon einige Jahre. Ich bin letzten Jahr mal durch und lebe noch. Wer also jetzt abkürzen will und Mut hat…

Wir wollen aber gar nicht abkürzen und folgen jetzt der roten Markierung, bergauf nach Elbleiten (Labská Stráň). Recht gemächlich geht es den Berg hoch. Die rote Markierung führt uns weiter durchs Dorf, vorbei an wie üblich schmucken Häusern, dem Dorfteich und verschiedenen Wassermännern.

So erreichen wir dann die Aussicht am Belveder. Die ist eine der ältesten, wenn nicht die älteste, ausgebaute Aussichtsplattform im Elbsandstein. Ehe ich hier das Web wiederkäue, möge jeder selbst googeln.

 Belveder

Leider ist die einst sehr urige Gaststätte hier nur noch für Hotelgäste geöffnet. Aber es gibt bei gutem Wetter einen Imbiss, und der ist auch in Ordnung.

So, und jetzt kommt die Sache mit den alten Treppen, die ich schon eingangs erwähnt hatte.

Zuvor aber die Alternative: wer es im Knie hat oder sich mit anderen Bedenken trägt, der gehe ein paar Meter zurück bis zum Parkplatz am Belveder. Dort beginnt ein grün markierter und auch sehr schöner Weg, der im Zick-Zack ins Tal führt. Die Wege treffen sich später wieder.

Alle anderen nehmen mal eben die linke Seite der Aussichtsterrasse in Augenschein. Sie finden da diese ersten Treppenstufen – rund 400 weitere werden folgen. Diese Stufen werden seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gewartet. Sie sind aber – und somit meine Bedenken gegenstandslos – allesamt noch fest. Es liegen auch  keine Borkenkäferbäume im Weg. Trotzdem ist es ziemlich steil, und natürlich sind die Stufen schief und buckelig. Unter dem Laub verstecken sich auch immer mal wieder bösartige Kienäppel. Auf denen kann man dann zu Tal rollen. Man sollte also schauen, wo man hintritt. Was aber eigentlich überall gilt.
Dieser Abstieg ist auch noch in einigen aktuellen Karten (gedruckt wie digital) eingezeichnet. Und wiederum in einigen als gesperrt gekennzeichnet. Vor Ort findet sich aber kein Sperrschild. Es gilt also: tschechische Gelassenheit. Zumal der Abstieg wirklich mächtig Spaß macht.

Unten angekommen treffen wir auf einen querenden Weg – auf dem auch alle Benutzer der Alternative ankommen. Der führt jetzt, ohne Höhenunterschied und immer etwas oberhalb der Autostraße, zurück nach Herrnskretschen. Der Weg ist übrigens vorbildlich freigeschnitten, auch an den Hängen hat man tote Bäume beseitigt. Es geht also, wenn man nur will.

 Geht doch!

Wir landen am Ortseingang von Herrnskretschen. Gleich das erste Haus hier war einst meine Lieblingskneipe. Hier gab es den lustigsten Keller und die heftigste Knoblauchsuppe weit und breit. Dazu die abenteuerlichsten Scheißhäuser. Ist leider ein Corona-Opfer geworden und jetzt nur noch Pension.

 Leider vorbei

Auf dem Bürgersteig geht es zurück ins Zentrum von Herrnskretschen.

Fazit: Ach herrjeh, das waren ja doch beinahe 21 Kilometer. Die sich aber gut verteilten. Immer schön abwechselnd, mal anstrengend, dann wieder ganz entspannt. Und reichlich Gelegenheit für Rast und Einkehr. Dazu jede Menge kleinerer und größerer Höhepunkte am Wegesrand. Ganz klar: eine meiner Lieblingsrunden.

Zum Nachwandern:

Und noch eine Bitte: da ganz oben rechts gibt es Werbung. Einfach mal drauf klicken. Nichts kaufen, nur klicken! Damit ich mir weiter Knoblauchsuppe einverhelfen kann.

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3 Gedanken zu „Einen Zappen im Lande des Zappens

  1. Haha, das trifft sich ja fast wie die Faust aufs Auge…exakt vor ein paar Stunden habe ich so zu mir gesagt „das fragst du mal den Noack Arndt, der weiß das bestimmt“.

    Und zwar geht es um das Gasthaus in Niedergrund, das man mittels der Fähre erreicht, wenn man besagtem grünen Weg vom Belvedere bis zur Straße folgt. Aus einem kuriosen Grund (die legendäre Bahnhofskaschemme in Dečin war heute/gestern geschlossen!) hätte ich fast in Dolni Zleb ebenfalls vor geschlossenen Türen gestanden. Zum Glück hat mich Tante Google vor dem Dilemma bewahrt, denn im Gegensatz zur Stadt wäre ich dort relativ alternativlos verhungert. Laut dem Internetz hat man im vergangenen Herbst die Türen für die Wintersaison geschlossen und öffnet seitdem, wenn überhaupt, nur noch an den Wochenenden. Auch die eigene Webseite gibt es scheinbar nicht mehr (und die war immer recht aktuell, auch was die Fähre betraf).

    Weiß der profunde Kenner des böhmischen Elbtals oder evtl. einer seiner Kameraden von den Stiegenfreunden vielleicht Genaueres?

    Die legendäre Kneipe kurz vor der Klamm kenne ich leider auch nur hier aus dem Blog und nicht in Natura, was ich sehr bedauere.

    In diesem Sinne, danke für diese Runde sowie ggfs. eine Antwort und vielleicht sieht man sich ja bald Wiederkauf dem Wahlzettel.

  2. Wiederkauf = wieder auf (dem Wahlzettel) und ich wusste nicht, dass Kommentare hier erstmal quergedacht, äh, quergelesen werden vor der VÖ. Bissl fader Beigeschmack, aber was soll’s.

    Eine Antwort wäre trotzdem supi.

    1. In Niedergrund gibt es ja zwei Gasthäuser: das bekannte direkt an der Elbe, und ein zweites. Im letzten Haus oben in Richtung Lehmischgrund. Da gehört auch eine Pension dazu. In beiden hab ich schon gut gegessen und getrunken. Allerdings scheint es tatsächlich so, dass beide Lokale derzeit nur Freitag-Sonntag geöffnet sind. So zumindest die Anzeige auf mapy.cz.

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