Sechs Aussichten und ein Sündenfall

Eigentlich sind es ja sogar sieben Aussichten und fünf Sündenfälle. Aber das erzähle ich am besten alles in der Beschreibung dieser kleinen Tour rund um Waitzdorf und das Brandmassiv. Wir sehen tatsächlich sechs sehr ähnliche Aussichten und eine allgemein bekannte solche, wir schnaufen die berüchtigten Brandstufen hoch, richten mit unseren Schuhen schwere Schäden in der Kernzone an und ärgern uns über eine Gaststätte. Aber eigentlich erfreuen wir uns an einer schönen Runde. Alles klar? Mir nach.

Wir starten in Waitzdorf. Gleich am Ortseingang gibt es hier ein paar kostenlose Parkplätze. An einer Infotafel vorbei – oha, selbige schmückt die Vergrößerung einer Böhm-Karte – geht es kleines Stück am Waldrand entlang. Wir treffen auf zwei Wegweiser. Der eine zeigt geradeaus zum allgegenwärtigen Malerweg, der andere nach Links zur “Aussicht”. Es ist völlig Wurst, welchem wir folgen, beide Wege treffen sich alsbald wieder. Und bringen uns zur:

Aussicht eins – die Waitzdorfer Aussicht

Die ist schon mal richtig schön, Bänkchen warten auch auf uns. Weit über den tiefen Grund hinaus können wir sehen, geradeaus die Tafelberge mit dem Lilienstein, rechts der Brand und sogar die Weißen Brüche. Und ein Spinnenrelief im Sandstein gibt es hier auch.

  Waitzdorfer Aussicht

Zurück auf den Hauptweg und diesem nach rechts gefolgt. Jetzt immer mehr oder weniger nah an der Kante der Waitzdorfer Wände entlang. Schon nach sehr kurzer Zeit kommen wir so zur:

Aussicht zwei – Am Michaelistagstein

Auch hier wieder Bänke, der Blick ist so ziemlich derselbe wie vorher. Nach rechts zur Brandbaude sieht man aber besser. Obendrein steht hier der Gedenkstein für ein junges Mädchen, das abgestürzt ist.

Zur linken Bank führen ein paar Treppenstufen aufwärts. Aber noch nicht so lange. Ich denke, vor ungefähr drei Jahren wurden die angelegt. Und ihr Erbauer hat sich auch gleich an der Bank verewigt. Herman, wir danken dir.

Wieder weiter auf dem Hauptweg, erreichen wir alsbald:

Aussicht drei – die namenlos verhauene

Diese Aussicht hat meines Wissens tatsächlich keinen Namen. Dafür verwehrt aber ein Sperrzeichen samt eines ziemlich schludrigen Verhaus den Zugang. Die Erfahrung sagt: wo die Nationalparkverwaltung solcherlei tut, da lohnt es sich, mal lang zu gehen.

  Interesse geweckt?

Ganz ehrlich? Hier lohnt es sich nicht. Die Aussicht ist ziemlich zugewachsen und bietet auch sonst wenig Neues. Da hätte man sich die Mühe mit den Sperrzeichen ruhig sparen können. Trotzdem vermerken wir: Sünde eins begangen.

  Lohnt sich nicht

Alle weiteren Aussichten auf dem Weg (Sünde zwei, drei und vier) sind ebenfalls gesperrt, aber sie lohnen sich sehr wohl. Freundlicherweise hat uns hier an die Zugänge die Nationalparkverwaltung immer ein Kernzonenschild gestellt, auf das wir nicht schusselig daran vorbeilaufen.

  Hier immer schön aufpassen

Und so naht alsbald:

Aussicht vier – Ochelspitze

Schon auf dem Weg zur Aussicht sehen wir da zwei Buchen, die dem “Buch der Buchen” entsprungen sein könnten. Die Aussicht selbst – wunderbar.

  Solche Buchen sollst du suchen

  Ochelspitze

Als nächstes, wieder hinter einem Kernzonenschild:

Aussicht fünf – Bonifaz

Hier ist der verbotene Weg zur Aussicht fast breiter als der erlaubte solche daran vorbei. Und er ist auch wieder verhauen sowie kurz danach frei gesägt worden. Sehr putzig.

  Bonifaz

Gleich geschafft, nur noch ein Kernzonenschild. Und das führt uns zur:

Aussicht sechs – Berg-Frei-Turm

Hier macht der Hinweg auf einen stoppeligen Pfad mal richtig Spaß. Ansonsten: der Ausblick wie schon bekannt.

 Berg-Frei-Turm

Rechts von dieser Aussicht – in Blickrichtung gesehen – führt durch eine Schlucht der reizvolle Abstieg durch den Backofen ins Tal. Bei reichlich feuchtem Laub wie an diesem Wochenende möchte ich den aber nicht empfehlen. Bei trockenem Wetter lohnt es sich aber, hier über eine weitere Sünde nachzudenken.

Kleines Zwischenfazit: die sechs Aussichten bieten alle irgendwie ähnliche Ausblicke. Haben aber trotzdem jede für sich einen anderen Charakter. Es lohnt sich also wirklich, die mal abzuklappern.

Wir begeben uns aber weiter geradeaus und landen nach einem etwas steilen Abstieg auf dem bequemen Ochelweg, der das Felsmassiv in einem weiten Rechtsbogen umrundet und dann an seinem Fuß all das zurück führt, was wir gerade oben entlang gelaufen sind. Den Berg-Frei-Turm sehen wir so auch von unten.

 Abstieg und Berg-Frei-Turm

Das geht jetzt also eine ganze Weile sehr gemächlich und bequem immer am Fuß der Ochelwände entlang. Ganz langsam verlieren wir dabei auch an Höhe und stehen schließlich an der Straße durch den Tiefen Grund. Welche wir nur überqueren, direkt gegenüber beginnt der Aufstieg über die Brandstufen.

  Beginn der Brandstufen

Ja, die Brandstufen. Falls Ihnen beim Aufstieg die Merkfähigkeit für Zahlen genau so ausgeht wie die Puste: es sind insgesamt rund 1000. Unterwegs bieten sich aber ein paar Möglichkeiten an, um mal Luft zu holen. Beispielsweise eine Salzlecke von 1810 am Wegesrand. Die muss man dann eben mal besonders ausführlich in Augenschein nehmen.

  Salzlecke

Und natürlich bietet es sich auch immer an, stehen zu bleiben, sich umdrehen und in der Rückschau auf einen beliebigen Felsen zu zeigen. Dabei ausrufen “Schau doch, wie schön!” sowie den Trumm dann ausgiebig fotografieren. So bekommt man eine Pause zum Luftholen. Raten Sie mal, warum jetzt viele Fotos der Brandstufen folgen?

  Brandstufen

Uff, schnauf. Oben angekommen lohnt es sich, auch um wieder zu Atem zu kommen, einen kleinen Abstecher nach rechts zur Aussicht Hafersäcke zu machen. Man blickt über den Tiefen Grund nach Waitzdorf. Ja, genau, da kommen wir her, und da wollen wir auch wieder hin.

  Hafersack bestiegen

Sodann kommen wir vorbei an einem Wildgehege mit ein paar Ziegen. (Oh Gott, hab ich der Schwiegermutter zum Geburtstag gratuliert?)

  Die Kinder freuen sich

Die Brandbaude haben wir schon Blick, eine Stärkung vor dem geistigen Auge.

  Brandbaude

Und jetzt zunächst die gute Nachricht: der Ausblick von der Terrasse der Brandbaude zählt zum Besten, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Also genießen.

Und jetzt die weniger gute Nachricht: als die Brandbaude nach Jahren des Niedergangs vor gut zehn Jahren neu startete, war ich (und nicht nur ich) begeistert: toll saniert, und dazu ein Angebot, welches den Spagat zwischen gutem Essen, bodenständiger Wandererverpflegung und vernünftigen Preisen prima hinbekam. Und war die Baude überfüllt – und das war sie oft – dann konnte man sich schnell am Tresen ein Getränk holen und draußen genießen.

Nun, überfüllt war die Baude auch diesmal. Was aber an einem sonnigen Januarsonntag nicht verwundern sollte. Mit dem schnellen Getränk am Tresen war es aber Essig: fast eine halbe Stunde haben wir angestanden, dieweil die drei Damen im Service zwar eifrig rotierten, aber dennoch irgendwie nichts zuwege brachten. Und die Sache mit den vernünftigen Preisen? Tja, das Schummelbier (0,4 Liter) stand mit 3,80 Euro zu Buche. Macht auf einen richtigen halben Liter hochgerechnet 4,75 Euro. Das ist für eine Wandergaststätte schlichtweg viel zu viel. Also demnächst hier oben: Verpflegung aus dem Rucksack.

  Brandbaude

Wir folgen also jetzt, die Brandbaude verlassend, eine gutes Stück der sehr bequemen Brandstraße. Selbige führt ohne Höhenunterschied bis nach Hohnstein. Und das ist auch der Grund dafür, dass hier immer viel Andrang herrscht. Allein werden wir hier also nie sein.

Dafür entdecken wir am Wegesrand eine Holzskulptur, deren subtile erotische Komponente sich uns erst beim genauen Hinsehen eröffnet. Wer selbige bemerkt, der möge sich melden.

  Na, entdeckt?

Also, ein gutes Stück der Straße gefolgt und dabei alle markierten und unmarkierten Abzweige ignoriert. Schließlich sehen wir zur Rechten dieses Absperrung mit Überstiegsmöglichkeit sowie diese alte Säule:

Wir befinden uns am Einstieg zum Forstgraben. Im vorigen Jahr hatte die Nationalparkverwaltung hier alle Wegweiser entfernt und den Weg somit faktisch gesperrt. Es regte sich aber einiger Unmut darüber, deshalb wohl jetzt diese merkwürdige Variante. Der Weg selbst ist eine sehr alte Verbindung in den Tiefen Grund und auch noch über weite Strecken mir uraltem Sandsteinpflaster befestigt. Das ist streckenweise recht steil und wird schnell mal glitschig, also aufpassen, wo man hintritt. Im unteren Bereich verläuft der Forstgraben dann aber sehr bequem.

  Forstgraben

Schließlich stehen wir wieder an der Straße im Tiefen Grund und vor der Frage: wie weiter? Direkt gegenüber führt der Eulengrund nach Waitzdorf zurück. Und einen Kilometer weiter die Straße runter hat der Dorfgrund dasselbe Ziel.

Womit wir bei einem traurigen Kapitel wären: der Dorfgrund ist die einzig legale Variante dieser Wanderung. Welche dann aber eben auch bedeutet, einen Kilometer auf der engen und viel befahrenen Straße zu laufen. Vor allem mit Kindern keine Freude.

Deshalb wurde auch schon mehrfach gefordert, den Eulengrund zu öffnen. Die Nationalparkverwaltung weigert sich aber seit Jahren, auch in dem guten Wissen, dass es dort keine irgendwie besonders schützenswerte Flora oder Fauna gibt. Und sie ist im vorigen Jahr sogar noch ein Stück weiter gegangen: eine kleine Brücke, die über den Bach zum Eulengrund führte, war über Nacht verschwunden.

Oh, ihr selbst ernannten Hüter der Natur: irgendwann straft euch der liebe Gott mit einem Blitzschlag auf dem Scheißhaus!

Wir aber haben heute schon gesündigt, da kommt es auf einmal mehr auch nicht an: also einen beherzten Schritt getan und über den Bach gesprungen.

  Hier müssen wir rüber

Jetzt geht es also den Eulengrund aufwärts. Teilweise recht steil. Und da hier keine Pflege des Weges mehr stattfindet, liegt auch der eine oder andere Baum im Weg. Da muss man dann eben drüber oder drunter durchkrabbeln.

Im Eulengrund

Oben angekommen halten wir uns rechts und sind nach wenigen Minuten wieder in Waitzdorf. Vorher geht es noch vorbei an einer Wiese mit knuffigen Galloways. (Papa, Papa, schenkst du mir eine Kuh?)

  Niedlich

Fazit: nur knappe 11 Kilometer, aber jede Menge Abwechslung. Tolle Aussichten, also an einem Tag mit guter Sicht machen. Preise und Service in der Brandbaude waren schon viel besser, also auch was in den Rucksack packen. Super auch für Kinder geeignet.

Zum Nachwandern:

5 Gedanken zu „Sechs Aussichten und ein Sündenfall

  1. Ich dachte auch erst, rechts, weil ja rechts das Tal ist. Ingo hat sicher ebenso gedacht, aber Arndt hat ganz recht und die Lösung hat er auch aufgeschrieben – die beiden Wege treffen sich wieder und die Ausschilderung ist eigentlich Blödsinn.
    Hatte uns bei unserem Besuch auch schon irritiert. Beide Wege führen nach rechts, der eine nur eher, der andere später.

  2. Hallo Arndt,
    ein gesundes neues Jahr Dir, Deiner Familie, DeinemBlog und allen Wanderfreunden. Die „Verkehrsbeschilderung“ der NPV ist allerding fast immer ein Garant für schöne Wege. Förster`s Loch in Richtung gehackter Weg in den Bärenfangwänden war vorige Woche sichtbarer als der Königsweg zur kleinen Winterbergspitze oder zum Raubschloss. Und dann gibt`s ja noch dem Axel seine Wanderführer zu Deinen Tourenvorschlägen. Peter

  3. Die Bilder sind Herrlich, vielen Dank.
    Ich bin in der Region groß geworden und denke immer wieder an zu Hause oder wie der Sachse sagt an daheme 🙂
    Da ich nun mittlerweile in Magdeburg wohne und selten in de Heimat komme, freu ich mich immer wieder über solch tolle Bilder und Beiträge.

    Vielen Dank

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