Flößer, Grenzer, Förster und sieben Sünden

Diese Runde sticht eigentlich regelrecht ins Auge, wenn man die Karte studiert. Vom Großen Zschand kommend zum Katzenstein hinauf und dann wieder runter in den Kleinen Zschand. Im Groben gesagt. Im Feinen wird es dann natürlich etwas pusseliger. Und mehrere wunderbare, aber leider nach offizieller Lesart gesperrte, Wege werden passiert. Wer also heute mit mir wandert, der möge sich Klaren darüber sein, dass ein Bußgeld lauert, wenn denn der Graue Schreck im Gebüsch hockt. Was er aber derzeit nur selten tut, denn seine Bataillone sind durch Krankheit und Urlaub recht ausgedünnt. Also drauf gepfiffen und mir nach.

DSCN2308 Das ist nur einer der vielen Höhepunkte.

Start

Starten wir also am großen Parkplatz an der Neumannmühle im Kirnitzschtal. Hier beginnt eine Schlucht namens Großer Zschand, die wir zunächst bis zum Anschlag durchwandern wollen. Was aber zumindest anfangs nicht so spannend ist. Zwar ist die Landschaft auf beiden Seiten jenseits von Gut und Böse, aber der Weg ist asphaltiert und bietet auch sonst kaum Abwechslung. Aber dem kann ja Gott sei Dank abgeholfen werden. Wir gehen also nur wenige Meter in den Großen Zschand und folgen dann nach Rechts dem Wegweiser in die Spitzsteinschlüchte. Na, das ist doch schon eher was. Über ein paar Stufen und ein paar Felsmurmeln geht es aufwärts und wir passieren eine Art Felsentor.

DSCN2267 Die Spitzsteinschlüchte.

Danach geht es über einen kleinen Holzsteg, und sodann spähen wir scharf nach Links, bereit für:

Sünde Nummer eins

Wir entdecken links einen Aufstieg auf den Hang, krabbeln hoch und befinden uns jetzt auf dem Alten Flößersteig. Der verläuft parallel zur Straße im Zschand, nur eben 20 Meter höher an der Felskante. Und ist somit um Längen spannender. Ein schmaler Weg, mit Blicken nach unten und nach oben, herrlich zerklüfteten Felsen und sogar einer kleinen Höhle am Rande. An einer Stelle, so etwa auf halben Wege, müssen wir steil in eine Schlucht namens Reibetöpfel runter und auf der anderen Seite gleich wieder hoch. Ansonsten: Natur pur. Der Weg endet auf der Zeughausstraße.

DSCN2271DSCN2273DSCN2275DSCN2278 Alter Flößersteig.

Brav weiter

Wir sind wieder auf erlaubten Wegen angekommen, und gehen die Zeughausstraße ein paar Meter nach links, wo wir wieder auf dem Großen Zschand stoßen, dem wir nach rechts folgen. Sogleich stoßen wir auf das Wirtshaus Altes Zeughaus. Und sehen mit Freude, dass hier seit kurzem ein kleiner Kinderspielplatz steht.

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Wer jetzt schon Hunger und Durst verspürt, kann natürlich einkehren. Weitere Gasthäuser werden wir erst ganz am Ende der Tour finden. Ansonsten: weiter geradeaus, dem Großen Zschand gefolgt. Ausgeschildert ist die “Hickelhöhle”. Und der Weg ist jetzt nicht mehr asphaltiert, was das Laufen schon angenehmer macht. Links und rechts tun sich viele interessante Seitenschluchten auf, die aber allesamt gesperrt sind. Lediglich in die Richterschlüchte dürfte man noch abbiegen.  An diesem Abzweig steht auch eine der wenigen Schutzhütten, die noch nicht der naturschützenden Säge zum Opfer gefallen sind.

DSCN2285 Schutzhütte an den Richterschlüchten.

Und dann ist der Weg scheinbar zu Ende. Der Wegweiser zeigt nach links in Richtung Hickelhöhle. Wir aber erkennen scharfsinnig, dass es hier doch weitergehen muss, denn das Tal ist keineswegs zu Ende. Ganz im Gegenteil, es war einstmals eine der wichtigsten Verbindungen nach Böhmen.

Exkurs: wie sperre ich einen Weg?

Das hat man hier seit Gründung des Nationalparks auf verschiedene Weise versucht.

  1. Hier wurde ein Sperrzaun samt einem Graben davor gebaut, und dazu ein Schild aufgestellt. Auf dem stand sinngemäß, dass das Begehen all unserer nächsten Ziele (Raingrund, Entenpfützenweg, Grenzweg) genau so verboten sei wie der Übertritt zum Prebischtor. Allein die Nennung dieser Ziele hat wohl den einen oder anderer ermuntert, so dass dieses Schild wieder ausgetauscht wurde.
  2. Seitdem stand vor dem Sperrzaun eines der neutralen Kernzonenschilder, die uns immer dort begegnen, wo es interessant wird.
  3. Aber auch das ist wieder verschwunden, genau wie der Sperrzaun. Statt dessen hat man in bewährter Manier ein paar Bäume gefällt und in den Weg geschmissen. Und das alte Schild ist jetzt durch ein neues solches ersetzt worden, welches uns sinnigerweise den “Standort” anzeigt. Detailgenau wie eine Böhmkarte.

DSCN2287 Finden Sie ihren Standort.

DSCN2288 Wider dem Wanderer umgesägte Bäume.

Liebe Nationalparkverwaltung: ihr könnt Volkes Wille nicht in Korsetts zwängen, die nicht akzeptiert werden. Um die Bäume hat sich jetzt schon ein hervorragender Trampelpfad gebildet. Muss ich mehr sagen?

Wir folgen also dem Trampelpfad und begehen somit:

Sünde Nummer zwei

Ein gut erkennbarer Pfad zieht sich weiter durch die Schlucht, es herrscht sattes Grün ringsum. Wir folgen dem Weg, bis wir anhand der Grenzschilder erkennen, dass wir jetzt in Böhmen sind.

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Auf tschechischer Seite begrüßen uns einige wildsäuige Suhlen und eines der tschechischen Kernzonenschilder. Wir aber planen ja schon in unserem finsteren Geiste

Sünde Nummer drei

und spähen nach rechts. Dort steht ein deutsches Kernzonenschild herum und zeigt uns den Weg zu unserer nächsten Etappe: dem Raingrund.

DSCN2291 Hier geht’s lang.

Selbiger steigt anfangs recht moderat an. Schön sind die vielen Grenzsteine, die an Felsen befestigt wurden. Schließlich erreichen wir eine große Überhanghöhle, an der wir uns rechts halten.

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Und jetzt wird es auch langsam richtig steil. Einige Felsmurmeln müssen überklettert werden, und auch um den einen oder anderen umgestürzten Baum müssen wir rumturnen. Alles halb so wild, aber doch ein wenig kräftezehrend.

DSCN2296DSCN2298DSCN2301DSCN2304 Im Raingrund.

Oben angekommen erst mal durchschnaufen. Und dann ganz entspannt dem Pfad folgen, der jetzt durch dichtes Blaubeergestrüpp führt und nach links schon interessante Aussichten freigibt. Wir begehen gerade

Sünde Nummer vier

denn wir sind auf dem Entenpfützenweg gelandet. Ein paar wenige Auf- und Abstiege gibt es noch, wobei uns sogar einige uralte Stufen helfen.

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Aussichten am Entenpfützenweg.

Schließlich kommen wir zu einer großen, leicht abfallenden Sandsteinterrasse, dem Kanapee. Hier hat man eine herrliche Aussicht quer über die Böhmische Schweiz. Und obendrein lässt es sich hier gut rasten.

DSCN2309 Kanapee.

Wohl gestärkt folgen wir dem Pfad noch knappe hundert Meter und kommen zu einer Kreuzung. Von uns aus betrachtet gehen hier folgende Wege ab:

  • Rechts: der Abstieg in die Weberschlüchte, wegen einer schon vor vielen Jahren abgesägten Leiter heute nur noch mit Kletterfertigkeiten zu begehen.
  • Halbrechts: der Grenzweg, zu dem kommen wir später.
  • Halblinks: der Fremdenweg, auf böhmischer Seite durch hunderte gefällte Bäume fast unpassierbar gemacht.
  • Links: die Fortsetzung des Fremdenweges, noch gut passierbar.

Sünde Nummer fünf

Wir gehen also nach links und folgen dem Pfad. Schwierigkeiten gibt s hier keine, der Weg bleibt auf gleicher Höhe und ist leicht zu gehen. Schließlich führt er nicht mehr weiter und wir stehen auf einer kleinen Aussicht, die uns einen traumhaften Blick “von hinten” auf das Prebischtor beschert.

DSCN2310DSCN2311DSCN2312 Fremdenweg.

Direkt unters Tor kommt man aber nur noch auf halsbrecherische Weise, dieweil die Tschechen den Zugang auf fast schon militärische Weise verbarrikadiert haben. Auch Stacheldraht durfte dabei nicht fehlen. Wir kehren also um und gehen zurück zur Kreuzung.

Sünde Nummer sechs

Hier gehen wir halbrechts, der Pfad heißt jetzt tatsächlich Grenzweg. Und schlängelt sich, immer an den Grenzsteinen lang, mal durch Gebüsch, mal über den Fels. Herrlich zu gehen, sehr abwechslungsreich, einfach Klasse.

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Wir kommen an einen Punkt, wo sich ein tschechisches und ein deutsches Kernzonenschild grüßend gegenüberstehen. Dort sehen wir eine breiten Weg durch den Wald – es war einst ein Hauptwanderweg – auf dem die Nationalparkverwaltung besonders segensreich gewirkt hat. Während anderswo zwecks Verbarrikadierung die Bäume umgesägt wurden, hat man sie hier per Traktor gleich samt Wurzel umgezogen und in den Weg gelegt. Aber auch hier zeigt sich, dass das Volk anders denkt als seine selbsternannten Kommandeure: links von diesem “Verhau” führt ein schöner Trampelpfad entlang. Und endet an einem Sperrzaun, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

DSCN2319 Gammeliger Sperrzaun.

Zweihundert brave Meter

Wir sind jetzt also wieder auf tugendhaften Pfaden, gehen in gedachter Linie geradeaus und kommen zum Katzenstein, einem frei stehenden Fels, an dem sich viele Wege kreuzen.

DSCN2321 Der Katzenstein.

Von diesen Wegen suchen wir den einzigen, der nicht mit einem Wegweiser versehen ist und der außerdem – wir kennen das schon – mit ein paar Bäumen “verhauen” wurde. Auf diesem Weg kam man einst zu einer wunderbaren Waldhütte, welche von der Nationalparkverwaltung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geschleift wurde. Obacht: der Weg geht nach knapp hundert Metern scheinbar geradeaus weiter. Was falsch wäre, wir müssen uns leicht rechts halten. Auch auf diesem Abzweig liegen extra dafür gefällte Bäume, die uns aber eine gute Orientierung bieten können.

Sünde Nummer sieben

Wir befinden uns jetzt in Försters Loch, einer schmalen Schlucht, die stetig aber nie zu steil ins Tal führt. Einst muss dies ein wichtiger Weg gewesen sein, wovon noch die Reste eines alten Sandsteinpflasters künden. Vorsicht, dieses Pflaster kann bei feuchter Witterung auch mal richtig schmierig werden. Aber ansonsten: ein traumhafter Weg, auf dem genau jenes Naturerlebnis auf uns wirkt, welches die Nationalparkverwaltung in ihren Informationsstellen mit ausgestopften Tieren vergeblich zu wecken versucht.

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Försters Loch.

Die Schlucht kreuzt einen markierten Wanderweg (roter Strich), der am Felsfuß entlang führt und geht dann weiter ins Tal. Schließlich treffen wir auf einen Wegweiser (Grüner Strich), der uns nach links ins Heringsloch, geradeaus zu den Queenenwiesen führt. Wir gehen geradeaus.

Genug gesündigt

Ab jetzt bewegen wir uns nur noch auf erlaubten Wegen. Wir folgen dem Grünen Strich und erreichen zunächst die Queenenwiesen.

DSCN2332 Queenenwiesen.

Weiter dem Grünen Strich nach, durch den Kleinen Zschand. Das ist ein breiter und sehr bequemer Waldweg, der uns sanft nach unten bringt. Schließlich sehen wir schon die Straße im Kirnitzschtal und das Wirtshaus Felsenmühle vor uns. Wer jetzt auf dem Zahnfleisch geht, der sollte einkehren. Alle andern folgen zu guter Letzt kurz vor Erreichen der Straße einem Wegweiser nach rechts (grüner Schrägstrich) auf den Flößersteig. Es geht noch mal knackig hoch, und dann – immer parallel zur Kirnitzsch – sanft wieder runter.

DSCN2335 Blick auf die Felsenmühle vom Flößersteig.

Schließlich kommen wir hinter dem historischen Sägewerk an der Felsenmühle heraus. Dessen Besitzer hat hier den Zugang zu seinem Grundstück mit Stacheldraht verrammelt. Wenn hier also ein Wandersmann ausgleitet, dann wird es blutig. Gar nicht schön.

DSCN2336 Man kann es übertreiben.

Aber wir gehen nur noch ein paar Meter geradeaus und stehen wieder auf dem Parkplatz.

Fazit:

18 Kilometer, rund 1000 Höhenmeter (hoch und runter addiert). Ein Traum von einer Strecke, ein Höhepunkt jagt den nächsten. Und leider zu einem Großteil nicht erlaubt. Ich möchte mal wissen, was ich verbrochen habe, dass man mir solche Naturerlebnisse vorenthalten will. Vielleicht bekomme ich darauf sogar mal eine Antwort.

Zum Nachwandern:

10 Gedanken zu „Flößer, Grenzer, Förster und sieben Sünden

  1. Super Route! Das möchte ich auch mal irgendwann nachwandern…teilweise hatte ich mich schon in der Vergangenheit das eine oder andere Teilstück zu gehen getraut, war dann aber wieder umgekehrt.

  2. Eine feine Tour!

    Die Route durch den Raingrund zum neuen Kanapee ist wohl der Klassiker.
    Ich würde auch mal einen anderen Aufstieg (von denen es eine ja große Auswahl gibt) wagen – als unbedingte Empfehlung: durchs Sommerloch, mit Abstecher zur glatten Wand und auf alten Pfaden quer über die Partschenhörner.

      1. Ich muß gestehen, diese Boofe sagt mir nichts (Die Siebenschläferboofe ist ja in den Bärenfangwänden, und ob dort wohl sieben Leute schlafen können?)

        Wenn man aus dem Sommerloch kommt, meine Top-3:

        Ein schöner und einfach zu bewältigender Aufstieg geht über den westlichen Teil des Auerhahnsteigs. Entlang des Weges gibt es eine schon lange (auch noch heutzutage) genutzte Boofe.

        Urwüchsig und interessant ist der alte Pfad durch die Sandschlüchte. Hier geht es nach einer Steilstufe durch eine ausgeschlegelte Kerbe (in der liegen sogar noch mit der Kettensäge freigeschnittene Stämme). Eine gute Karte und ein gutes Orientierungsvermögen sollte man aber haben (Vorsicht: diverse Karten sind hier nach meiner Erfahrung fehlerbehaftet).

        Für technisch Versierte (es braucht eine Mini-Klettereinlage) sehr zu empfehlen ist der Aufstieg am östlichen Ende des Auerhahnsteig (im Talabschluß der Borngründe). Bei trockenem Wetter ein echtes Highlight. Auch hier gilt: ohne gute Karte und ein gutes Orientierungsvermögen geht nichts. Sonst wird besonders im Sommer die Wegsuche zwischen Riesenheidelbeerkraut und Monsterfarnen zum Abenteuer.

  3. Hallo Arndt, ich würde gerne eine ähnliche Wanderung machen, nur andersrum. Teil 1: https://www.komoot.de/tour/7381562 Von hier aus gehe ich auf den Grenzweg hoch wie du eben runter. Nun suche ich eine Möglichkeit von dem Grenzweg wieder runterzukommen um weiter bis nach Mezna (Tschechien) zu wandern. Teil 2: https://www.komoot.de/tour/7381582 Kennst du einen passierbaren Weg? Gabrielensteig, Großer Tschand… Vielen Dank und Grüße, Sebastian

    1. Vom Grenzweg gibt es einen direkten Abstieg zum Gabrielensteig. Dann verpasst du aber den kompletten Raingrund, und das wäre ein Verlust. Also besser den Grenzweg in voller Länge gehen – endet dann im Großen Zschand. Den dann einfach nach rechts weitergehen und du landest zunächst in Rainwiese (Menzni Louka), von wo aus du weiter nach Stimmersdorf (Mezna) gehen kannst.

  4. Wieder zurück. Ja, es hat geklappt. Tour siehe hier: https://www.komoot.de/tour/7388729 War sehr geil. Aber auch noch im November sind die Parkrangers noch aktiv und es haben anscheinend sowohl die Deutschen als auch die Tschechen kein Interesse daran, dass die gründe Grenze durchbrochen wird. Von deutscher Seite aus begegneten wir am Reitsteig Ecke Roßteig einem Jeep eines Parkrangers, der dort Wache schob und sich ansah, wer sich auf den Weg Richtung Grenzweg aufmachte. Mit ihm im Rücken machen wir uns hastig auf und rannten und sprangen mehr oder weniger den durch gefällte Bäume verbarrikadierten Fremdendenweg durch. 300m Feldweg, voll mit gefällten Bäumen, unglaublich… Der Grenzweg war beeindruckend, insbesondere auch eben weil er verboten war. 😀 Der Abstecher zum Prebischtor genial. Der Abstieg über den Raingrund ist mittlerweile auch (eindeutig beabsichtigt) sehr schwer. Man landet schließlich völlig einsam in der Mitte des Großen Zschand. Die tschechische Seite ist völlig frei. Nur weiter oberhalb ein Verbotsschild. Aber auch hier ein Wendedeplatz für Jeeps mit frischen Spuren. Spaß hat es gemacht. Danke nochmal für die Hilfe.

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