Das Karlshaus und der Hohenleipaer Schlossberg

2017-08-27 11.33.37Schon wieder so eine meiner böhmischen Lieblingsrunden. An der Wegführung hat sich seit meiner letzten Begehung vor gut zwei Jahren nichts geändert, aber die eine oder andere Kleinigkeit am Wegesrand war dennoch neu. Es folgen also: die links liegen gelassenen Reste einer alten Ritterburg, eine Miniausgabe des Prebischtors samt unangenehmer Begegnung, verlassene Pfade an Bergflanken oder –füßen, Spuren eines alten Jagdhauses, noch mehr stille Pfade, ein sehr viel begangener Waldweg ohne Besucher, ein Wirtshaus, in dem die Zeit stehe geblieben ist und ein Geheimtipp samt Aussicht.

Gehen wir einfach los.

Start ist in Hohenleipa (Vysoká Lípa). Es gibt einen Parkplatz am Ortseingang, flankiert von zwei Gasthäusern. Dummerweise wird hier jetzt auch eine happige Gebühr von vier Euro kassiert. Ins Lenkrad gebissen und losgewandert. Zunächst dem Gelben Strich nach, an einem Feldrand vorbei.

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Sogleich kommen wir in den Wald, und an diesem Nationalparkstein….

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…schwenken wir links auf den Roten Strich ein. Es geht jetzt über ein paar Wurzeln und alte Treppen aufwärts, bis an den Fuß der früheren Ritterburg Schaunstein (Šaunštejn).

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Der Aufstieg aufs Plateau geht über einige steile Leitern und ist normalerweise schwerstens zu empfehlen. Nur nicht am letzten Wochenende der tschechischen Sommerferien. Genau das hatten wir erwischt, es herrschte schweres Begängnis und Stiegenstau.

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Da haben wir uns das diesmal geschenkt. Bei ruhigeren Verhältnissen aber unbedingt mitnehmen!

Der weitere Aufstieg auf dem Wanderweg zumindest ist auch nicht ohne, zahlreiche Holztreppen und –leitern lassen uns kräftig an Höhe gewinnen und ordentlich ausschnaufen.

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Oben angekommen stehen wir am Kleinen Prebischtor (Malá Pravčická Brána). Tatsächlich: eine Miniausgabe seines berühmten Bruders. Und hier kann man seit ein paar Jahren sogar auf einer Leiter hochsteigen und eine wirklich nette Aussicht genießen.

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Allerdings hatten wir hier so etwas wie eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Zunächst erschien eine tschechische Großfamilie samt Kinderschar. OK, die waren wuselig und laut, aber Kinder dürfen das. Dann aber nahte eine Gruppe deutscher Wanderer, alle so um die 50. Und derart laut, dass noch in Kilometern  die Uhus aus den Bäumen gefallen sein müssen. Auf meine leicht ironische Frage, ob es denn vielleicht auch ein wenig ruhiger ginge, antworte eine Dame, nein sie schrie: “Aber wir leben und sind glücklich, das kann jeder gern hören!” Hä??? Ich sagte ihr dann ein Substantiv, welches aus einem zum Sitzen benötigten Körperteil und einem Streichinstrument zusammengesetzt war und habe mich geschlichen. Noch etwas 500 Meter weit haben wir die Bagage krakeelen hören, dann zog endlich Ruhe ein. Für den ganzen Rest der Wanderung, denn da waren wir plötzlich allein.

Also genug geärgert und dem Roten Strich noch ein Weilchen gefolgt, auf einem breiten und bequemen Forstweg. Es folgt eine Kreuzung mehrerer solcher breiten Wege. Wir nehmen den unauffälligsten von denen, stur geradeaus und (etwas versteckt) weiter Rot markiert.

2017-08-27 11.43.20 Diesen Weg ab der Kreuzung nehmen

Schnell wird der Weg pfadig und wurzelig. Er führt über den Sattel des Rauschenbergs (Vetrovec). Später hält er sich ein wenig rechts und geht auf halber Höhe an der Flanke des Berges weiter.

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Und jetzt gut aufpassen: da, wo sich der Wald ein wenig lichtet und der Weg eine Kurve nach links macht, gehen wir auf einem Pfad geradeaus weiter. Der ist keiner mir bekannten Karte eingezeichnet, das Navi sollte hier also auch versagen.

2017-08-27 12.06.25 Hier zweigt der Pfad ab

Zunächst ein Stück ohne Höhenunterschied, geht es dann kurz aber knackig in die Tiefe. Wir queren einen mit Grün markierten Wanderweg, wirklich nur queren, um dann halblinks auf einen recht bequemen Forstweg abzubiegen, der sanft ansteigt. Auf Karten heißt der Langer Leitenweg.

Selbiger schlängelt sich jetzt fast ohne Höhenunterschied immer am Fuß des Donnerberges (Bouřňák) entlang. Ein sehr entspanntes Gehen.

Aber Obacht: nach einer ganzen Weile sehen wir links am Wegesrand dieses hübsche Quellhäuschen.

2017-08-27 12.33.19 Die Inschrift heißt “Gelbes Wasser”

Und direkt dahinter erspähen wir eine schwache Pfadspur. Der folgen wir im Zickzack bis zur Wand eines Felssporns. Und an der können wir den weiteren Weg schon erkennen: in einer künstlich erweiterten Felsspalte locken uralte Treppenstufen.

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Noch vor zwei Jahren waren diese Stufen durch Erdeintrag fast komplett verdeckt und kaum noch zu erahnen. Mittlerweile hat sie jemand freigelegt. Ziemlich rutschig und holprig sind sie aber immer noch. Sind wir durch den Spalt aufgestiegen, geht der Pfad, jetzt deutlich zu erkennen, erst ein Stück geradeaus. Und dann kommt noch eine Stufenreihe, diesmal viel besser erhalten.

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Schließlich stehen wir auf einem kleinen Plateau. Hier stand einst das Karlshaus, eine Jagdhütte derer von Clary-Aldringen. Was aber wirklich schon sehr lange her ist. Die einzige brauchbare Quelle, die ich dazu finden konnte, besagt, dass die Hütte zwischen 1711 und 1838 existierte. Bilder gibt es davon keine. Aber man kann die Umrisse der Fundamente noch erahnen, und ein paar Mauersteine liegen auch noch herum. Die einstmals sicher geniale Aussicht von hier oben ist dagegen völlig zugewachsen.

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Interessant ist aber ein Gedenkstein, der hier herumsteht. Er erinnert an einen Spross der Clary-Aldrigens, der 1941 an der russischen Front gefallen ist. Nach 1945 waren solche Gedenksteine bei den Tschechen nicht mehr gern gesehen, er verschwand vom Plateau. Konnte aber in einer nahe gelegenen Boofe all die Jahrzehnte überleben. Seit ein paar Jahren steht er jetzt wieder hier oben. Wer den Riesentrumm da rauf geschleppt hat, das weiß ich leider nicht. Es muss aber ein gewaltiger Kraftakt gewesen sein, denn der Brocken wiegt bestimmt 300 Kilo und der Pfad ist steil.

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Die Inschrift lautet:

Hieronymus
Grafen Clary und Aldringen
Leutnant im eigenen Panzer-Regiment
Gefallen am 28. Juli 1941
bei Sokolowka in der Ukraine
im 24. Lebensjahre
RIP

Gut, genug des Ausflugs in die Vergangenheit, wir steigen wieder über Pfad und alte Stufen ab und halten uns am Quellhäuschen links. Es geht weiter auf dem Langen Leitenweg, der sich wie gehabt um den Felsfuß schlängelt.

Unterwegs passieren wir noch die Fundamente einer Brücke, deren Sinnhaftigkeit hier keiner verstehen kann, da man die kleine Schlucht nur zehn Meter weiter auch ohne Hilfsmittel überqueren kann. Aber vielleicht ist dies den wackeren Brückenerbauern erst aufgefallen, als die Fundamente schon fertig waren.

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Und an dieser Stelle….

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….stößt von rechts der Kleine Ziegengrund auf unseren Weg. Einst eine wichtige Verbindung nach Hinterdittersbach, gehört er heute zu den verbotenen Wegen im böhmischen Nationalpark und ist entsprechend mit mutwillig umgesägten Bäumen verrammelt worden.

Heute wäre das aber ohnehin nicht unsere Richtung, und so bleiben wir auf dem erlaubten Hauptweg, der ab jetzt Donnergrund heißt. Es geht ziemlich heftig bergab. Einst war der Weg hier fast komplett mit Holzbohlen ausgelegt, von denen einige Starkregen der letzten Jahre aber nicht viel übrig gelassen haben. Es wird also ein wenig schlammig.

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Schließlich stoßen wieder markierte Wege (Rot und Grün) zu uns, wir lassen einen Lehrpfad (der Luchs im Allgemeinen wie im Besonderen) rechts liegen und kommen von hinten auf den Campingplatz von Rainwiese (Mezni Louka).

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Das Hüttendorf wird durchquert, und wer ein wenig infantil ist, der darf auch das Klettergerüst-Prebischtor auf dem Spielplatz ausprobieren.

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Alle anderen überqueren die Fahrstraße und folgen genau gegenüber der blauen oder der gelben Markierung. Hier geht es in den Soorgrund. Und normalerweise hat man hier immer jede Menge Mitwanderer, dieweil dieser Wegabschnitt ein Teil der in wirklich jedem Wanderführer beschriebenen Runde Edmundsklamm-Wilde Klamm-Rainwiese-Gabrielensteig-Prebischtor ist.

Nur: derzeit ist die Wilde Klamm gesperrt, die Runde funktioniert nicht mehr. Worauf auch schon am Anfang des Weges ein großes Schild hinweist.

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Und so hat man derzeit die wohl wirklich einmalige Gelegenheit, diesen Weg in aller Stille zu genießen. Wobei er nicht sonderlich spektakulär ist, eher eben für den Massenbedarf ausgebaut.

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Im Tal angekommen – das Flüsschen Kamnitz (Kamenice) plätschert lieblich dahin – ginge es dann nach rechts in die Wilde Klamm. Oder eben auch nicht, momentan wird hier gebaut.

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Aber unser Weg führt ohnehin weiter geradeaus (Blauer Strich), über ein paar Treppen…

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…und weiter auf einer schmalen Asphaltstraße übers Feld. Schon von Weitem sehen wir unser nächstes Ziel: das Zámeček (Schlösschen).

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Auch das war mal ein Jagdschloss der Clary-Aldringens. Heute ist es Gasthaus und Pension mit nichts drum herum als viel Gegend. Und eine wahre Wallstatt für Nostalgiker. Denn hier ist die Zeit stehen geblieben: fröhlich bröckelt der Putz, auf der Terrasse gibt es keinen geraden Stein, die Spinnweben haben Namen. Dennoch kehre ich hier sehr gern ein, denn das gereichte Essen ist unverschämt preiswert, wirklich wohlschmeckend und obendrein noch reichlich. Ich hatte “Hemenex”. Einen Gutschein über einmal ausrutschen auf feuchten Wurzeln für den, der weiß, was das ist. Nach einem netten Schwatz mit dem Kellner ist man sich übrigens auch sicher, dass hier niemand an einem Herzkasper stirbt. Zumindest niemand vom Personal.

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Na gut, wohl gestärkt und aufgehopft geht es weiter. Am Wegesrand wird uns nach wenigen Metern noch ein Abstecher zum Vogelstein (Ptaci Kamen) angezeigt. Kann man machen, allerdings ist auch hier die Aussicht fast komplett zugewachsen.

2017-08-27 15.48.54 Schlechte Aussichten

Schließlich erreichen wir wieder Hohenleipa. Aber noch ehe wir die ersten Häuser passieren, biegen wir links zunächst auf diese Straße ab.

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Jetzt geht es an ein paar Grundstücken vorbei – immer nach oben orientieren – und zu guter Letzt auf diesen Feldweg.

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Der führt uns direkt zum Schlossberg (Na zámečků). Und damit zu einem kleinen Geheimtipp, denn dieses stille Refugium in unmittelbarer Nähe des sehr touristisch geprägten Ortes ist merkwürdigerweise fast unbekannt. Wegweiser gibt es auch keine. Dafür hat sich hier oben seit meinen letzten Besuch einiges getan. So hat man drei Bänke für den müden Wandersmann aufgestellt. Und man hat den Keller – letzter Rest einer Jagdhütte – der eigentlich fast komplett mit Erde gefüllt war, ausgebuddelt. Jetzt kann man da rein.

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Und schließlich hat das Kruzifix, welches über die Jahrzehnte eher ein “Rostifix” geworden war, einen neuen Anstrich und auch eine neue Schrifttafel bekommen – auf Deutsch.

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Wenn wir auf dem Plateau ganz nach vorn gehen kommen wir über ein paar uralte Treppen dann zu einer wunderbaren Aussicht über den gesamten Ort und die Dittersbacher Felsenwelt.

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Genug gestaunt, wir begeben uns auf gleichen Weg zurück, kommen wieder in Hohenleipa raus und können die Runde beenden.

Fazit: tatsächlich nur 15 Kilometer, die aber wirklich reich an Eindrücken sind. OK, Schaunstein und Kleines Prebischtor waren ärgerlich überlaufen, aber da sucht man eben demnächst einen weniger frequentierten Termin. Der Rest des Waldes war dann aber herrlich ruhig. Zum Karlshaus sollte man mal gehen, allein schon wegen der geheimnisvollen Abgeschiedenheit des Ortes. Wer nicht wenigstens einmal im Zámeček eingekehrt ist, der hat noch nie echte Härte gezeigt. Und der Schlossberg ist wirklich eine Entdeckung.

Zum Nachwandern:

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Ein Gedanke zu „Das Karlshaus und der Hohenleipaer Schlossberg

  1. Zunächst einmal allgemein ein großes Lob für die vielen
    tollen (neuen) Anregungen für wunderbare Wanderrunden
    in der Sächsisch – Böhmischen Schweiz. Da wir letztes
    Wochenende im Zamecek übernachtet haben, haben wir
    die Karlshaus – Runde von dort gestartet. (In umgekehrter
    Richtung) Also keine Parkgebühren, dann via Soorgrund und
    Mezni -Louka den Donnergrund hinauf.. Wunderbarer Weg, Unmengen
    von tschechischen Pilzsuchern (und Steinpilzen und
    Rotkappen) und jede Menge alte Grenzsteine, die in
    teils skurriler Form in die Felsen geschlagen waren. Kurz
    bevor man den ehemaligen Abzweig des kleinen Ziegengrundes
    erreicht, ging es nochmal etwas bergab, direkt hinter dem
    Kernzonenschild und dem „Baumverhau“ findet man den
    Grenzstein 59 in den Felsen gemeisselt, alles Indizien für
    historische Wege…. Die riesigen Brückenfundamente mit
    der Jahreszahl 1914 lassen eigentlich nur die Vermutung
    zu, dass die „Einkerbung“ dazwischen gelegentlich viel
    Wasser ?? führt(e), und deshalb eine Brücke geplant war.
    Nach dem wunderschönen Leitenweg mit etwas rutschigem
    Auf – und Abstieg zum ehem. Karlshaus und etwas Pfadsuche
    bei der Querung des grünen Weges fanden wir dann den
    schmalen Kammweg mit dem vorher beschriebenen
    Steilstück und (auf dem Kammpfad) wieder einen halb-
    liegenden Grenzstein mit der Nr. 220. Übrigens, in der
    kürzlich in Mezna erworbenen Wanderkarte 1: 20000
    Ceske Svycarsko von Eurocard ist dieses schmale Wegstück
    TATSÄCHLICH als Pfad nachgewiesen… Der Rest des Weges
    war ruhig, friedlich, und ohne lärmendes Volk, nur auf und
    am Einstieg der Ritterburg Schaunstein herrschte wieder
    Stau !! In Hohenleipa (Vysoka Lipa) gab es in der Gaststätte
    U Nas eine vorzügliche Knoblauchsuppe, danach ging es
    gestärkt auf den Schlossberg und zurück zum Zamecek.
    Beim dortigen Abendessen mit „Aufhopfung“ und Kaminfeuer
    im Salon konnte dann auch das Rätsel um das Essen HEMENEX
    gelöst werden, das ist der tschechische Begriff für ham and
    eggs, also gebratenes Rührei mit Speck etc….. Alles klar !!!
    Dafür sei eine Frage gestattet? Wie wurde der Aufstieg zum
    Karlshaus entdeckt ?? Zufall ??
    Noch ein Hinweis, wer von Hohenleipa direkt zum Zamecek
    will (oder umgekehrt), direkt hinter dem verfallenen alten
    Forsthaus am Zamecek geht ein Weg links hinunter, immer
    geradeaus, dann an einer Pfadgabelung halblinks (!) halten, dann
    landet man direkt in Hohenleipa zwischen den Häusern. Wir haben
    den Weg sozusagen als Alternative genutzt, wenn man im Hotel
    Zamecek übernachtet, muss man nicht immer den gleichen
    Weg über den Vogelstein (blau) nehmen. (Z.B. Tour zur
    Dolsky Mylin = Grundmühle).

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