Nachtigall, ich hör dir trapsen Ein paar Gedanken zum Ende des Großen Winterberges

Das Restaurant auf dem Großen Winterberg ist vorerst Geschichte. Marc Henkenjohann als Wirt hat Insolvenz angemeldet. Davon ebenfalls betroffen sind das Zeughaus im Großen Zschand und das Café am Aufzug in Ostrau. Soviel zu den schnöden Fakten, die wohl der eine oder andere schon aus den Medien kennt. Im Folgenden aber einige ganz persönliche Gedanken meinerseits zu diesem Trauerspiel.

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Vorweg: Sachsens Behörden haben hier – mal wieder – kein gutes Bild hinterlassen. Denn vor allem ihrem Kompetenzgerangel, verbunden mit Sturheit und völliger Verkennung der Lage vor Ort, haben zu den hässlichen Folgen geführt. Ich unterstelle aber auch, dass einer speziellen Behörde der Lauf der Dinge nur recht ist – aber dazu weiter unten.

Der große Fallstrick beim Winterberg und auch beim Zeughaus heißt “Erbpacht”. Bei diesem Konstrukt kann der Pächter zwar über einen sehr langen Zeitraum – oft 99 Jahre – in seinem Objekt nach Belieben schalten und walten. Er wird aber nie Eigentümer, also auch nie im Grundbuch eingetragen. Während ich also mein privates Eigenheim im Falle eines Kredites der Bank problemlos als Sicherheit anbieten kann, geht das bei einem Objekt in Erbpacht eben nicht. Es gehört mir ja nicht, ergo kann sich, so der Kredit faul wird, die Bank daran auch nicht schadlos halten. Praktisch heißt das, dass ein Erbpächter eigentlich nirgends einen Kredit bekommt. Er muss anstehende Investitionen irgendwie aus dem  laufend Erwirtschafteten stemmen.

Bis zu einem gewissen Punkt ist das Marc Henkenjohann auch gelungen. Das alte Stasi-Heim im Zschand hat er auf eigene Kosten abgerissen und die Fläche renaturiert. Zeughaus und Winterberg wurden nach und nach saniert. Eine anspruchsvolle und wirklich gute Küche zog ein, das Bemühen um regionale Erzeuger war spürbar. Und, wohl einzigartig in der Sächsischen Schweiz: Vegetarier und gar Veganer fanden auf der Speisekarte ganz selbstverständlich eine breite Auswahl vor. Ohne das die Liebhaber eines guten Stücks Fleisch auf der Strecke blieben.

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Klingt gut, aber nun beginnen die Ärgernisse: auf dem Winterberg hat der Eigentümer, der Freistaat, den alten Aussichtsturm wieder aufgebaut. Nach Böhmen hat man von dort auch einen netten Blick, nach Sachsen zu sieht man nur Baumkronen. Die Buchen rundum waren halt ordentlich gewachsen. Ein paar Buchen fällen für die Aussicht? Nix da, sprach der Naturschutz. Den Turm vielleicht eine Etage höher aufbauen? Nix da, sprach der Denkmalschutz. Und so wurde dem Pächter ein Aussichtsturm mit ziemlich eingeschränkter  Aussicht beschert.

Geht aber weiter: ein kleines Hotel auf dem Winterberg wieder einzurichten, lag nahe, schließlich wurden dort auch ehedem immer Fremdenzimmer bereitgehalten. Ein schwieriges Unterfangen, da die Zufahrt zum Hotel vom Nationalpark rigide gehandhabt wurde. Gäste mussten ihre Autos in Schmilka stehen lassen und wurden mit dem hauseigenen Jeep auf den Berg gebracht. Für diese “Sondernutzung” der Winterbergstraße war auch gleich noch eine happige Gebühr fällig. Genau wie beim Zeughaus. Die Bestimmungen wurden so rigide gehandhabt, dass sogar Schulklassen, die mit Mountainbikes unterwegs waren, diese auf den Berg schieben mussten und nicht fahren durften. Und bei der Schieberei auch gern mal von Rangern – selbige dann im Auto – beargwöhnt wurden.

Der Genickbruch passierte dann mit dem Zoff um die Kläranlage. Die alte solche musste wohl erneuert werden. Was ich prinzipiell ja begrüße, gegen saubere Abwässer ist nichts einzuwenden. Allerdings sah die Gegend  rund den Gipfel auch nicht so aus, als hätte sie unter der alten Anlage gelitten. Und nach Kloake hat es auch nicht gerochen (im Gegensatz etwa zur Bastei). Nun sollte man also denken, es wäre Sache des Eigentümers, so eine Investition zu tätigen. Pustekuchen, der Pächter möge das machen, übermittelten die Stempelkarusselldreher im Ministerium. Und der konnte es eben nicht stemmen, siehe oben, keine Kredite.

Es kam, wie es kommen musste: erst wurde der Hotelbetrieb eingestellt, dann das Gasthaus noch ein Jahr mit einer Ausnahmegenehmigung für die Kläranlage betrieben, schließlich nur noch Imbissbetrieb, und jetzt ist ganz Schluss.

Hätten die Behörden hier nicht mal über ihren Schatten springen können? Hätte man nicht feststellen können, dass die alte Kläranlage zwar nicht mehr zeitgemäß ist, aber eigentlich ausreicht? Hätte ansonsten nicht der Freistaat eine neue Kläranlage bezahlen können? Für andere Dinge (Goldstücke) ist schließlich gefühltes Geld ohne Ende da.

Unter diesen Bedingungen wird es sehr, sehr schwer sein, einen neuen Pächter zu finden.

Was aber einer Behörde, und hier komme ich auf meine Unterstellung vom Anfang zurück, sehr recht sein dürfte: der Nationalparkverwaltung. Ihre eigene Infostelle im “Eishaus” auf dem Winterberg hat sie schon vor zwei Jahren dicht gemacht. Wenn jetzt auch noch das Gasthaus ausfällt, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, den Gipfel zu besteigen. Aussicht ist keine. Wie wäre es also, hier schlicht ein paar Wegweiser abzuschrauben, und schon sind alle Wege auf den Gipfel gesperrt. Denn mehr als eines fehlenden Wegweisers bedarf es in der Kernzone nicht, um einen Weg zu sperren. Und die Nationalparkverwaltung könnte sich kräftig auf die Schulter klopfen: wieder einen Bereich vom bösen Menschen gesäubert. Wie gesagt, alles reine Spekulation und Unterstellung.

Aber: Nachtigall, ich hör dir trapsen!

Und zum Schluss: Marc Henkenjohann, den ich als ebenso engagiert wie menschlich erlebt habe, wünsche ich in seinem neuen Betätigungsfeld maximalen Erfolg!

Und ganz zum Schluss: eventuell, oder besser: sehr wahrscheinlich, ist meine Meinung hier nicht der Weisheit letzter Schluss. Also gebt bitte reichlich Kommentare ab. Zensiert wird, das ist hier Tradition, gar nichts.

15 Gedanken zu „Nachtigall, ich hör dir trapsen Ein paar Gedanken zum Ende des Großen Winterberges

  1. ein super artikel ueber eine sehr unschoene sache (oder besser gesagt eine große schweinerei). aber muss man unbedingt eine verknuepfung zu flucht und migration herstellen? oder habe ich das nur falsch verstanden mit den „goldstuecken“? der freistaat hat mit sicherheit auch ohne asylausgaben an so vielen stellen geld verbrannt, was es noch unglaublicher macht, das diese sicher ueberschaubaren ausgaben nicht erfolgt sind.

    1. Ich denke das Du richtig gelesen hast.
      Auch wenn der direkte Zusammenhang fehlt, ist es eben die gefühlte Erscheinung der Prioritäten in der Regierung.
      Leider gibt es da noch mehr Aktionen, wo Privatleute (in Schmilka) Ihren Besitz aufgeben müssen, wegen einem Federstrich zur Verlegung der Kernzone. Und das nach über 40 Jahren Eigentümer von Parzellen…

  2. Gaststätten sterben. Scheint Mode zu sein in der sächs. Schweiz. Da frag ich mich, wie Gaststätten überleben, in weniger attraktiven Regionen.

  3. Sehr, sehr, sehr schade. Ich habe das Essen der Henkenjohann-Brüder immer sehr genossen. Eben mal nicht nur den Einheits-Berghüttenfraß wie zum Beispiel auf dem Lilienstein… (pappige Nudeln mit Fertigsoße, Bockwurst etc.)
    Es war köstlich, gesund und regional.
    Auch im Zeughaus bin ich immer gerne eingekehrt, obwohl die nahe Neumannmühle kulinarisch wirklich nicht zu verachten ist.
    Übernachtet habe ich auch mehrmals auf dem Großen Winterberg. Unvergesslich, von dort früh um 3 oder 4 Uhr zum Sonnenaufgang am Goldstein aufzubrechen, oder abends bis nach 22 Uhr an der Kipphornaussicht den Sonnenuntergang und die einbrechende Nacht zu beobachten, und dann durch den dunklen Buchenwald mit Taschenlampe innerhalb von 10 min wieder am Hotel zu sein…
    Die renovierten Zimmer und die Gemeinschaftsräume waren unglaublich schön und liebevoll eingerichtet worden. So schade, dass das jetzt alles umsonst war und ungenutzt verkommt.
    Den Betreibern war ja auch schon von der Rundfunkgebühr das Leben schwer gemacht worden, obwohl das Hotel in einem deutschen Funkloch lag…
    Und wieder ein paar Arbeitsplätze weniger in der Region… Ein Trauerspiel.
    Was wird Herr Marc Henkenjohann jetzt machen? Und bleiben die Gaststätten auf dem Papststein, Pfaffenstein, am Kuhstall und im Bahnhof von Bad Schandau?

  4. wie wollen wir denn die Attraktivität unseter Heimat erhalten, wenn nach und nach alle
    Rast-u. Einkehrmöglichkeiten von Amtswegen geschlossen werden. Eine Schwein…..

  5. In Südtirol wird in Almwirtschaften, Nahverkehr usw richtig ordentlich subventioniert. Aber bald wird der März dem Kretschmar zeigen, wie es geht, da werden dann die Luftschlösser in den leeren Raum wachsen, oder auch nur an der Elbe.

  6. Bin der Meinung dass genau das dahinter steckt, was Arndt im letzten Absatz vermutet. Manchmal sind die scheinbar ganz einfachen Zusammenhänge genau die die eintreten. Na dann Gute Nacht im Bereich der Hinteren Sächsischen Schweiz. Was gibt das für eine große Kernzone und endlich sind die Vorgaben der Sch…. EU erfüllt.

  7. Es ist sehr schade, wie Engagement privater Personen nicht gewürdigt wird, obwohl es offensichtlich mit Augenmaß und einem klaren Ziel über viele Jahre betrieben wird.
    Anscheinend fehlt jedoch von der Politik ein gesamter Plan für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes. Zumindest zwingt sich der Eindruck auf, daß von politischer Seite nur ‚gelöscht‘ wird (Subventionen für ein 5* Hotel nach der Flut) anstelle strategisch zu handeln. Vielleicht gibt es aber auch politische und wirtschaftliche Verknüpfungen, deren Ziel die Förderung anderer (konkurrierender)Projekte war.

  8. Vielen Dank für diesen Artikel (und auch für viele weitere auf dieser Webseite), dem ich zu Hundert Prozent zustimmen kann. Ich bin gern dort gewesen, hatte von den Problemen gehört und auch im Vorfeld gesehen, dass es wohl wegen der Kläranlage zur Schliessung kam und habe einen dicken Hals wenn ich jetzt die Details lese.
    Ich verstehe dieses NPV Konzept nicht, einerseits haben wir im Elbsandsteingebirge Stellen wo sich Touristen halb tottreten wie auf der Bastei, Königstein, den Schrammsteinen und im Bielatal, vom Prebischtor und den Klammen auf Böhmischer Seite ganz zu schweigen, andererseits versucht man einen großen Teil davon mehr oder weniger komplett abzuriegeln nach dem Motto nicht mal anschauen und schon gar nicht anfassen („Natur Natur sein lassen“). Ein Gebiet, indem sich über 150 Jahre einmalige historische Wanderwege durchziehen, ein Teil unserer Tradition und Kultur.
    Was ist denn das für ein sinnfreies Konzept ?
    Auch im Punkt des Willens bei der Verteilung von Mitteln des Freistaates für bestimmte „Projekte“ gebe ich Ihnen absolut recht; zum Bsp. wurde der Wiederaufbau der Weißeritztalbahn auch mit zweistelligen Millionenbeträgen gestützt, was auch begrüßenswert war. Da gab es eben eine Lobby.
    Es ging bei der Kläranlage wohl um einen Wert von 60 000 Euro …
    Die Frage ist wie geht es jetzt dort weiter ? Einen Verein gründen und Spenden einsammeln (siehe Bsp. Dresdener Bismarkturm auf der Südhöhe) und Weiterbetreiben oder will man das jetzt im Ernst vergammeln lassen – wenn dem so käme was wäre das für ein Frevel, die Behörden, die hier nicht über ihren Schatten springen konnten, sollten sich schämen.

  9. Das Berghotel wurde 1846 auf Staatskosten (!) erbaut, aber der heutige Staat hat nichts mehr dafür übrig, außer Verbote, Vorschriften und Einschränkungen, wälzt jede Verantwortung und Finanzierung auf den Pächter ab. In Sachsen wurden z.B. innerhalb zweier Jahre laut Sächsischem Rechnungshof 62 Millionen Euro für Flüchtlingsunterkünfte ausgegeben, die nie genutzt wurden und jetzt noch etliche Millionen an Unterhaltung kosten, da sind natürlich die 60.000 Euro für eine Kläranlage auf dem Winterberg nicht mehr drin, auch als Almosen nicht.
    Das Berghotel steht unter Denkmalsschutz, was soll daraus werden, wenn es jahrelang leersteht? Den Verantwortlichen ist das wahrscheinlich egal, obwohl in Art. 14 des Grundgesetzes steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
    Was den Aussichtsturm und die hochgewachsenen Bäume betrifft: in Meyers Reiseführer von 1891 wurde die Aussicht vom Winterbergturm als eine der malerischten in der Sächsischen Schweiz genannt. Früher hat man den Umkreis um den Turm frei von Bäumen sprich Buchen gehalten (genau wie auf Lausche, Kaltenberg u.a.), heute ist da kein Weg mehr drin, man tut so, als wäre die Buche vom Aussterben bedroht. Beim Kaltenbergturm z.B. würde es schon reichen, rundherum 10 bis 15 Bäume für eine schönere Aussicht zu fällen. Das Gerede von Naturschutz kann man schon nicht mehr hören, in Indien sind es die heiligen Kühe, bei uns sind es die Buchen.

  10. Auch für uns waren die Berggastwirtschaft auf dem Winterberg und das Zeughaus seit Jahren die Anlaufpunkte, um gut zu speisen, dieses oder jenes Bierchen zu trinken und um Wasser für den kommenden Tag zu bunkern. Zu Beanstanden gab es nie etwas.
    Und sollte der Niedergang beider Häuser, so wie oben beschrieben, der Realität entsprechen, dann ist das nur eine weitere Pose im alltäglichen Politikwahnsinn.
    Zu Fragen bleibt nur: Was können wir als direkt Betroffene oder auch nur Liebhaber des „Elbi“ tun, dass es nicht zu den Schließungen kommt?

  11. Ich wollte einmal im Jahr auf dem Winterberg übernachten. Jetzt leider nicht mehr möglich. Sehr, sehr schade. Gutes Essen und schöne Zimmer. Ich hoffe es werden sich endlich ein paar Leute aus ihrem Sessel bewegen und etwas tun. Wie gesagt , die Hoffnung stirbt zuletzt.

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