Die Sache mit dem weißen Hirsch

Die Meldung dürfte ja jeder kennen: in der Silvesternacht haben Unbekannte im Moritzburger Wildgehege einen weißen Hirsch zunächst mit einer Armbrust angeschossen und ihm sodann den Kopf abgetrennt. Soweit die blanken Fakten. Die Geschichte macht momentan ein großes mediales Buhei, was mich dazu angeregt hat, mir auch mal ein paar Gedanken zu machen. Denn was den Tätern in diversen Medien entgegenschlägt, ist purer Hass. Recht so, werden Sie denken. Aber was ist eigentlich passiert?

Szenario Eins: Mensch tötet Tier

Das passiert täglich allein in diesem Land im mindestens fünfstelligen Bereich. Es passiert, um unser aller Fleisch auf den Tisch zu bringen. Wie viele Gänse allein jetzt vor Weihnachten ihr Leben ausgehaucht haben, kann ich nicht schätzen. Und wer je mal einen großen, industriellen Schlachthof besucht hat, der weiß, das “Armbrust und Kopf ab” gegen die dortigen Abläufe geradezu friedfertig erscheint. Das sind nichts anderes als Fließbänder, auf denen hocheffizient getötet, ausgeweidet und verarbeitet wird. Aber auch, wenn der Biobauer schlachtet, geht es keineswegs geruhsam und ohne Blutvergießen zu. Und selbst das Schächten ist in Deutschland mit einer Sondergenehmigung, in vielen anderen europäischen Staaten ohne eine solche möglich. Und Schächten entspricht von der Wirkung her genau dem “Kopfabschneiden”.
Fazit eins: wir als Menschen töten täglich unzählige Tiere, ohne das irgendwelche Medien groß darüber berichten würden.

Szenario Zwei: Mensch tötet Wildtier

Also, wie hier geschehen, beispielsweise einen Hirsch. Nur eben in der freien Wildbahn, und der Mensch nennt sich dann “Jäger”. Er tut das aus verschiedenen Gründen: teils zum Zwecke der durchaus nützlichen Wildregulierung, teils um sich exklusives Fleisch zu verschaffen, teils, weil es ihm als Mann Spaß macht, mit Waffen herumzufuchteln, und teils tatsächlich aus Geilheit nach Trophäen, die er dann in einer Art Schwanzvergleich vorzeigen kann. Selbigem Töten sind allerdings klare Regeln vorangestellt, was und wieviel der Jäger abknallen darf, ist streng reglementiert. Und auch hier hält sich, von einigen fundamentalistischen Tierschutzorganisationen abgesehen, der öffentliche Aufschrei doch sehr in Grenzen.
Fazit zwei: auch Wildtiere töten wir dauernd, und es interessiert keine Sau.

Szenario Drei: Mensch tötet Wildtier im Gehege

Also genau das, was in Moritzburg passiert ist. Hier wird es schwierig, und auch ich habe keine wirkliche Erklärung. Und ich will hier auch nicht über die Motive der Täter spekulieren, ich kenne sie einfach nicht.
Fazit drei: alle Medien gehen auf die Barrikaden, wenn ein 1. niedliches, 2. seltenes und 3. in einer Art Zoo gehaltenes Tier getötet wird.

Fazit über alles:

Irgendwie haben wir sie nicht mehr alle. Oder was glauben jene, die jetzt empört aufschreien, wo der Zwölfender an der Wand des Forsthauses herkommt? Genau: von einem toten Hirsch, dem der Kopf abgeschnitten wurde. Schon merkwürdig: unser Umgang mit Tieren bemisst sich irgendwie nach deren Niedlichkeit. Oder, um es noch mal anders auszurücken: in der Zeit, in der ein paar Bekloppte den Hirsch in Moritzburg gemeuchelt haben, wurden (Pi mal Daumen) ein paar hundert Schweine geschlachtet, um unsere Fleischtheken zu füllen. Wo, bitte, ist da der Unterschied? Er ist medial, weil sich der Hirsch einfach herrlich per Auflage verkaufen lässt. Dämlich.

Bemerkungen:

Ich bin weder Vegetarier noch Veganer, ich esse Fleisch, auch solches aus dem Supermarkt. Ich will die Tat in Moritzburg auch nicht verharmlosen, ich will nur eine einigermaßen vernünftige Einordnung derselben in das tägliche Töten von Tieren hierzulande erreichen. Basta.

2 Gedanken zu „Die Sache mit dem weißen Hirsch

  1. Nun, so groß ist der Rummel dann doch nicht gewesen, dass er bis zu mir durchgedrungen wäre, aber die Aufregung kann ich doch verstehen.

    Wenn man hier nur die Tötung eines Tieres betrachtet und in den Vergleich zu den Massentötungen in den Schlachthäusern stellt, dann ist das natürlich alles unerheblich. Aber da du nach dem Motiv der Täter fragst: Das ist natürlich die Trophäe. Was sonst, da sie Fell und Fleisch liegen gelassen haben, die Deppen. Nachhaltig ist das nicht und schon deshalb verwerflich.
    Aber der eigentliche Unterschied und Grund für die Aufregung ist, dass hier ein eingesperrtes Tier getötet wurde, das entweder nicht fliehen konnte, oder gar nicht wollte, weil es an die Gegenwart von Menschen gewöhnt war. Und auf ein solches Tier zu schießen ist nun erst recht verwerflich, feige und unehrenhaft. Man mag zur Jagd stehen wie man will, aber sowas geht gar nicht. Und es istschon ein Unterschied, ob ein Tier direkt für die Schlachtung gezüchtet und dann fachgerecht (ich weiß, hier ist dünnes Eis) getötet wird. Übrigens sollte man Schächten und Kopfabschneiden nicht gleichsetzen. Aber das wären zwei eigene und breite Themen. Aufregepotential steckt schließlich noch in der Tatsache, dass in einer eigentumsorientierten Gesellschaft natürlich der Hirsch ein für die Täter fremdes Eigentum ist und an solchem haben sie sich nicht zu vergreifen.

    Aber wie gesagt, mich ärgert mehr, dass sie nur die Trophäe haben wollten und das schöne Fell und das Fleisch liegen lassen haben. Obwohl, wie alt war der Hirsch denn? 😉

  2. Das Phänomen nennt sich „Bambisyndrom“. Davon besonders Betroffene unterstellen eine Beseeltheit der Natur, absichtsvolles Handeln von Tieren (im Sinne und auf einem Niveau menschlicher Handlungsweisen) und umarmen Bäume usw. 😉 . Ich hab das bei mir schon vor längerer Zeit in der Wolfzone verlinkt, kann man aber auch „googeln“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.